Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

02.02.2014, 08:00 Uhr


Immer was los bei Apothekers. Ein Gesundheitspolitiker will sich mit Apothekerinnen und Apotheker zum Meinungsaustausch treffen – eine Idee, die im DAZ.online-Forum entstanden ist. Könnte was werden. Wenn Skeptiker dagegen Lehrgänge in der „hochverdünnten Wissenschaft“ der Homöopathie als „Jodel-Diplom“ bezeichnen, dürfte ein Treffen eher wenig bringen. Und was bringt’s, wenn Gesundheitspolitiker die Substitutionsausschlussliste in der Schiedsstelle belassen, ihre Fraktionen die Liste dagegen mit einem Gesetzentwurf in die Hände des Gemeinsamen Bundesausschusses geben wollen? Und wenn die Apothekermarge vom Erstattungsbetrag berechnet werden muss, ist der Listenpreis für die Katz? Da faxen wir doch lieber die Belege von nichtlieferbaren Arzneimitteln an den HAV-Vize. Und schreiben unsere Zukunftsvision in die Leitbildseite.

27. Januar 2014

Miteinander reden statt übereinander. Wie sich aus einer DAZ.online-Meldung ein Treffen mit einem Gesundheitspolitiker entwickelte, war spannend mitzuverfolgen. Michael Hennrich (CDU), MdB und Mitglied des Gesundheitsausschusses im Deutschen Bundestag, sagte auf einem pharmazeutischen Fachkongress, die Apotheker hätten es den Rabattverträgen zu verdanken, dass sie heute kaum mehr als Schubladenzieher wahrgenommen würden. Mein liebes Tagebuch, das sind Ansichten, da muss man erst mal dreimal schlucken, sich fest auf die Lippen beißen, bevor man etwas dazu sagt, und die Tastatur krümmt sich vor Schmerz, wenn man beginnt, darüber zu schreiben. Was sind das für Wahrnehmungen? Und entsprechend begann die Online-Diskussion darüber: zuerst gegenseitige verbale Attacken – schön, dass Hennrich von Anfang an mitdiskutierte –, dann Entschuldigungen und schließlich ein interessanter Dialog, der zu einem Treffen und einer Diskussion zwischen Hennrich und einigen Apothekerinnen und Apothekern führen wird. Was dabei herauskommen wird, ist offen. Aber allein die Tatsache, dass Politiker und Apotheker miteinander reden, verdient schon Applaus. Man liebes Tagebuch, man sollte öfters miteinander reden.

CDU-Senioren sammeln in einer Region im Ruhrgebiet Unterschriften für eine Änderung der Nacht- und Notdiensteinteilung der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. Nach ihrer Auffassung sind die Wege zu den Apotheken zu weit und die Apotheken in ihrer Region zu selten für den Notdienst eingeteilt. Nach Angaben der Kammer treffe dies so allerdings nicht zu. Das Positive: Ist doch nett, dass dem Nacht- und Notdienst diese Aufmerksamkeit zuteil wird. Aber, liebe Senioren-CDUler, dann reicht doch auch mal nach oben weiter, dass alles seinen Preis hat. Die Nachtdienstvergütung kann erst ein Anfang sein, eine Anpassung des Honorars muss folgen.

Immer wieder amüsant, zu sehen, wie Welten und Lebensanschauungen aufeinanderprallen. Hier die reine naturwissenschaftliche Lehre der Skeptiker, die von „hochverdünnter Wissenschaft“ sprechen, Homöopathie-Lehrgänge als „Jodel-Diplom“ bezeichnen, kurzum von Homöopathie so viel halten wie Steakliebhaber von einem Tofuwürstchen. Auf der anderen Seite die Magic-Voodoo-Zauberwelt der Homöopathen, die eine 50:50 Wahrscheinlichkeit eines Heilerfolgs zum Credo der Wirksamkeit machen. So hat die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP/Die Skeptiker) unlängst ein mehrseitiges Faltblatt herausgegeben, in dem sie ihre Kritik an der Homöopathie zusammenfasst. Die Homöopathen wiederum sind mit dem Rotstift durchs Faltblatt gegangen und haben versucht, den Skeptikern ihre eigenen wissenschaftlichen Behauptungen um die Ohren zu schlagen. Mein liebes Tagebuch, Wissenschaft und Glaube lassen sich nicht auf einen Nenner bringen. Solange es die Homöopathie gibt, solange werden wir diese Diskussionen führen.

28. Januar 2014

Substitutionsausschlussliste – Gesundheitspolitiker ziehen eine Einigung vor der Schiedsstelle und eine Vertragslösung einer gesetzlichen Regelung vor. Sie begrüßen es, wenn Apotheker und Krankenkassen sich vor der Schiedsstelle auf eine Substitutionsausschlussliste einigen. „Bei der Vereinbarungslösung ist sichergestellt, dass der Sachverstand der Apotheker einfließt“, erklärte Jens Spahn. Gutachter werden in Kürze zwölf weitere Stoffe für die Liste begutachten, danach wird die Schiedsstelle entscheiden. Einer Protokollnotiz zufolge wäre es dem GKV-Spitzenverband allerdings nach wie vor lieber, wenn der Gemeinsame Bundesausschuss eine solche Liste erstellt.

29. Januar 2014

Wer setzt sich bei der Substitutionsausschlussliste durch? Während Gesundheitspolitiker lieber auf eine Schiedsstellenlösung setzen, legen die Groko-Fraktionen von CDU und SPD einen Gesetzentwurf vor, dem Gemeinsamen Bundesausschuss die Erstellung einer Substitutionsausschlussliste zu übertragen. Weil’s halt so im Koalitionsvertrag steht. Ein solcher Änderungsantrag für das laufende Gesetzgebungsverfahren zum 14. SGB-V-Änderungsgesetz könnte schon am 1. April in Kraft treten. Das Verfahren vor der Schiedsstelle wird bis dahin allerdings nicht abgeschlossen sein. Mein liebes Tagebuch, das Gezerre um die Ausschlussliste entgleist zu einer Politposse. Dabei hätte alles so einfach sein können: Der Apotheker, der Arzneimittelfachmann schlechthin, meldet im Einzelfall „pharmazeutische Bedenken“ an und entscheidet über Austausch oder nicht. Basta.

DocMorris hatte zwar behauptet, es gebe Versorgungslücken in der Arzneimittelversorgung, und einen Bus über Land geschickt, um sie zu finden. Jetzt ist’s quasi amtlich: Es gibt sie nicht. Die wohnortnahe Erreichbarkeit öffentlicher Apotheken ist flächendeckend gewährleistet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Braunschweiger Thünen-Instituts für Ländliche Räume, das dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstellt ist. Dumm gelaufen für DocMorris. Na, vielleicht lässt sich der Bus zum Camping-Bus umbauen und an treue Kunden der Versandapo als Dankeschön ausleihen – statt 20 Euro-Prämie.

Bei neuen Arzneimitteln, die die frühe Nutzenbewertung durchlaufen haben, gibt es einen Listenpreis, den die Industrie in Preislisten ausweist, und einen niedrigeren Erstattungsbetrag, den die GKV für das Arzneimittel bezahlt. Welcher Preis ist die Grundlage für die Berechnung der prozentualen Margen von Apotheken und Großhändlern? Man braucht nicht zu raten, was Politik und Kassen nun klarstellen und festsetzen wollen: jawohl, der niedrigere Erstattungsbetrag. Apotheker und Großhändler dürfen nicht an den fiktiven Listenpreisen der Pharmaindustrie verdienen. Der niedrige Erstattungsbetrag gilt im Übrigen auch für die Festsetzung der Patientenzuzahlung. Und wofür gibt es dann noch den Listenpreis? Fürs Ausland? Als Referenzpreis? Tja, der Arzneimittelpreis und seine Be- und Abrechnung werden immer absurder. Einem Außenstehenden kann man das alles nicht mehr erklären. Und wir Apothekers müssen das alles so schlucken. Das ist das Leid im Bild…

30. Januar 2014

Was wir alle schon wussten, hat jetzt unsere große Stiftung Warentest bestätigt: Sättigungskapseln, Fatburner, Fettblocker und Kohlenhydratblocker, also „Pillen und Pülverchen“ helfen nicht richtig beim Abnehmen. Wer dauerhaft abnehmen will, muss weniger essen und sich mehr bewegen. Tipp der Stiftung für Dicke: Das Geld lieber in ein Fitnessstudio tragen und für viel Obst-Gemüse-Vollkorn ausgeben. Tipp des Tagebuchs für Apotheken: Fitnessstudio aufmachen und Obst-Gemüse-Vollkorn-Laden angliedern. Haha, war nicht Ernst gemeint. Obwohl? Wir dürfen doch auch Prävention machen, oder?

Die Linke schlägt ein Extra-Honorar für Rezeptsammelstellen vor. Super-Idee. Ich fürchte nur, wir hätten dann in jedem gottverlassenen Weiler mindestens fünf Rezeptsammelstellen. Und DocMorris könnte seinen Bus wieder aus der Garage holen. Mein liebes Tagebuch, ist wohl eher eine putzige Idee.

Die Versandapo DocMorris bekommt schon wieder mal ein Ordnungsgeld aufgebrummt. Weil sie nicht aufhörte, eine Geldprämie bis zu 20 Euro für die Teilnahme an einem Arzneimittelcheck auszuschreiben. Weil die niederländische Versandapotheke die von der Apothekerkammer Nordrhein erwirkte einstweilige Verfügung, mit der ihr untersagt wurde, diese Prämie anzubieten und zu gewähren, selbst nach einem ersten Ordnungsgeldbeschluss nicht beachtete, verhängte das Landgericht Köln ein zweites Ordnungsgeld in Höhe von 150.000 Euro. Mittlerweile soll die Prämie nicht mehr ausgelobt werden. Welche Bonusmodell wohl als nächstes kommt? Vielleicht Kaffeefahrt mit dem DocMorris-Bus?

31. Januar 2014

Hm, mein liebes Tagebuch, wie geht es Dir dabei, wenn Du Mitteilungen des Deutschen Apothekerverbands liest, die besagen, dass die Arzneimittelausgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) um 4,2 Prozent auf 28,8 Milliarden Euro gestiegen sind und damit um 16 Prozent über dem „Soll“ liegen? Wie kommen solche Meldungen wohl in der breiten Öffentlichkeit an, die mit Nachrichten überflutet wird, die nicht genau hinsieht und schnell liest? Da bleiben nur Bruchstücke hängen wie Arzneimittelausgaben, Apotheken, gestiegene Arzneipreise, kurz: Apothekerpreise und gestiegene Arzneiausgaben der Kasse.

Dabei sind die Apotheken in keiner Weise dafür verantwortlich, dass die Arzneipreise steigen oder dass mehr Packungen über den HV gehen. Und dann steht in der Meldung noch, dass die Apotheker wieder unterstützt werden durch erhöhtes Festhonorar und Notdienstzuschuss. Dann zählt der Laie eins und eins zusammen, und bei ihm bleibt hängen: Die Arzneiausgaben steigen wegen der Honorarerhöhungen und Notdienstzulagen für Apotheker. Oder bin ich da zu empfindlich?

Damit es nicht ein Kampf gegen Windmühlen bleibt, will Hans Rudolf Diefenbach, Vize des Hessischen Apothekerverbands, jetzt Nägel mit Köpfen machen im Kampf gegen die Lieferengpässe. Mit seiner Aktion „Liefer-Un-Fähigkeit“ ruft er alle Kolleginnen und Kollegen dazu auf, möglichst authentische Belege (EDV-Ausdrucke) der aktuellen Nichtlieferbarkeit von Arzneimitteln (PZN, Bezeichnung, Packungsgröße) an seine Rosen-Apotheke in Offenbach zu faxen. Mein liebes Tagebuch, die Aktion ist gut. Wir müssen das Ausmaß der Nichtlieferbarkeit dokumentieren, wenn wir politisch mehr Druck machen wollen, Diefenbach ist unser Mann der Woche.

1. Februar 2014

Nichts wie rein ins Forum www.leitbildprozess.de und Gedanken, Visionen, Vorschläge für ein neues Apotheken-Leitbild posten und den Fragebogen ausfüllen. Je mehr mitmachen, umso besser. Und wie steht es mit den Pharmazistudierenden, also diejenigen, die auf alle Fälle vom Leitbild betroffen sein werden? Warum dürfen sie nicht mitmachen? 

6. Zukunftskongress des Apothekerverbands Nordrhein in Bonn. Rund 350 Apothekerinnen und Apotheker nahmen teil. Was in den Vorträgen deutlich wurde: Irgendwie laufen die Forderungen an den Apotheker der Zukunft in Richtung mehr Beratung, mehr Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS). Da wird sich der Apotheker stärker engagieren müssen. Hier sieht zum Beispiel auch die Gesundheitsministerin von Nordrhein-Westfalen, Barbara Steffens, Potenzial für die Apotheker: AMTS, z. B. auch in der stationären Altenpflege. Und bitte: eine Lösung, wie Arzt- und Apothekennotdienst auf dem Land besser synchronisiert werden kann – sonst könnte die Diskussion um ein Dispensierrecht für Ärzte aufflammen. Und das wolle sie gar nicht. Recht hat sie, mein liebes Tagebuch.
Auch auf dem Zukunftskongress deutliche Worte von Verbandschef Preis: Es muss Schluss damit sein, dass die Apotheken Inkassoleistungen für die Krankenkassen zum Nulltarif erbringen. Stimmt! Die Forderung ist längst überfällig. Kassen sparen Milliarden, weil Apotheker so brav die Gelder für die Kassen kassieren und überweisen. Mein liebes Tagebuch, warum lassen wir uns so lange ausbeuten?
Und was sagt die Politik? Jens Spahn ist herzerfrischend offen: Die Apotheker sollen froh sein, wenn sie im Koalitionsvertrag nicht vorkommen. Denn: „Das bedeutet, dass wir Sie erst mal in Ruhe lassen.“ Na fein. Aber das bedeutet auch, dass die Politik von einer Honoraranpassung, von mehr Geld für Rezepturen und BtM-Handling nichts wissen will. Spahn: „Ich sehe nicht, dass es zu einer Anpassung des Apothekenhonorars kommen wird.“ Mein liebes Tagebuch, großer Frust. Wir reißen uns den (Leerraum wegen Netiquette) auf, bemühen uns um AMTS, Superberatung, Medikationsmanagement, machen Inkasso für Kassen – und als Dank? Vielleicht gerade mal verbale Anerkennung, wenn überhaupt. Aber davon können wir und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht leben. Mein liebes Tagebuch, da muss etwas geschehen.


Peter Ditzel


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