Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

01.09.2013, 08:00 Uhr


Jetzt kommt er, der Wahlkampf: Heute Abend auf fünf Fernsehkanälen das TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück. Das schauen wir uns an. Und im Kleinen purzeln die Wahlversprechen: Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU, schüttet ein Füllhorn an möglichen Honorarerhöhungen über die Apotheker aus (weiß er das noch nach der Wahlparty?). Außerdem in der vergangenen Woche: der Notdienstfonds holpert (war zu erwarten), die Stiftung Warentest hat begriffen, dass Apotheker auch Wechselwirkungs-Checks machen können (ist neu), die Fronten mit dem GKV-Spitzenverband sind verhärtet (ist nicht neu) und die ABDA macht ernst mit ihrem Diskussionsforum für alle auf dem Apothekertag (ist ganz neu). Mein liebes Tagebuch, alles wird gut. Oder?

26. August 2013

Den Spiegel-Artikel über die datendealenden Pillendreher will man in Bayern so nicht hinnehmen. Der Bayerische Apothekerverband (BAV) beschwerte sich beim Deutschen Presserat. Zum einen dürfe nicht suggeriert werden, dass Apothekerinnen und Apotheker Patientendaten verkaufen (dadurch wird eine Berufsgruppe in Misskredit gebracht), zum andern werden Apotheker durch das Wort „Pillendreher“ und „Dealer“ in ihrer Ehre verletzt. Mein liebes Tagebuch, auch wenn die Beschwerde wenig nützen sollte und Magazin-Journalisten auch weiterhin glauben, durch solche degradierenden Begriffe einen pseudo-lockeren Stil an den Tag zu legen: Wenn sich niemand beschwert, passiert auch nichts, schon gar nicht eine Bewusstseinsänderung. Also, ein dickes Plus für den BAV. Apropos Beschwerde: Warum hat sich eigentlich die ABDA nicht offiziell beschwert? 

Ein neuer Großhandel schält sich aus dem Ei: AEP direkt. Mutig, kann man da nur sagen, sehr mutig – inmitten starker und etablierter Platzhirsche und nachdem gesine im letzten Jahr abgestürzt ist. Fragt sich, woher der dazu Mut kommt. Vielleicht sind’s die Macher des Unterfangens selbst: Jens Graefe und Markus Eckermann sind „alte Hasen“ im Großhandelsgeschäft (Celesio und Gehe). Und Anschubgeld kommt von der Österreichischen Post, einer Venture Capital Unternehmung und einem privaten Fonds. Schlanke Strukturen – nur ein Zentrallager in Alzenau und Auslieferung über Transoflex – sollen zum Erfolg beitragen. Ein  Zugpferd, warum sich der eine oder andere Apotheker überlegen könnte, bei AEP zu bestellen, könnte sein: ein klares Rabatt-Skonto-System und laut AEP wirklich transparente Rechnungen: Der Apotheker soll seine Großhandelsrechnung wieder verstehen können – dass es das noch mal gibt? Im Oktober soll’s losgehen. Mein liebes Tagebuch, das wird spannend.

27. August 2013

Was eine bevorstehende Wahl doch alles auslösen kann. Da beginnen Politiker, richtig kreative Ideen in den Ring zu werfen. Auch wenn die Ideen nach der Wahl wohl wieder rasch vergessen werden. Bahr will die Private Krankenversicherung für alle öffnen, hieß es da zum Beispiel. Ja, wie, Herr Bahr, dann gibt es keinen Unterschied mehr zwischen privat und Kasse? Dann sind private Kassen wie gesetzliche und umgekehrt? Was sagen da die Ärzte dazu? Und wie ist das dann mit dem Wettbewerb zwischen den Kassen? Und dem Risikostrukturausgleich? Da würden sich wohl die Beiträge zwischen privaten und gesetzlichen Kassen rasch angleichen. Also, mein liebes Tagebuch, das erscheint mir doch recht unausgegoren. Opposition und Ersatzkassen lehnen eine Gleichstellung gleich ganz ab, für sie wäre das unsozial und nur ein Rettungsversuch für die Privaten.

28. August 2013

Uiuiui, mein liebes Tagebuch, was ist mit Jens Spahn passiert, dem gesundheitspolitischen Sprecher der CDU/CSU? Was hat er geraucht? Ist er wahlkampftrunken? Da verspricht er doch im DAZ-Interview den deutschen Apothekerinnen und Apothekern eine Honorarerhöhung. Ja, eine deutliche (!) Erhöhung der BtM-Gebühr. (Zurzeit legen die Apotheken da gnadenlos drauf: sie erhalten 26 Cent fürs BtM-Rezept, zahlen aber etwa einen Euro an den Großhandel fürs Handling.) Da müsse was getan werden, sieht sogar Spahn ein. Mannonmann, wenn er sich da mal nicht verhebt. Vielleicht will er die Gebühr verdoppeln? 100 Prozent Honorarsteigerung steht dann in der „Bild“. Nee, nee, nee, so nicht, mein Lieber. Da gibt es knallharte Forderungen von unserem BAK-Präsidenten Kiefer: Unter 2,80 Euro pro BtM-Rezept läuft da nichts. Alles andere wäre weiterhin ein Zuschussgeschäft. Schaun mer mal. Aber Spahn, voll im Wahlrausch, legt noch eins drauf: Man sei im Bereich Apotheken sehr sparsam gewesen, daher könne man in der nächsten Legislaturperiode über Extra-Honorare sprechen! Zum Beispiel für die Betreuung chronisch Kranker oder fürs Medikationsmanagement. Rumms, das sitzt. Das sind ja dann schon mehr als zwei Bälle, die die Apotheker in der Luft haben! Wenn das mal gut geht. Na ja, die Bälle wirft er den Apothekern zurück: Er wartet auf konkrete Vorschläge aus der Apothekerschaft. Ja, ABDA, haste das gehört? Diese Aufforderung darf nicht zweimal kommen. Dann mal raus mit den Papieren und nix wie hin auf den Spahnschen Tisch. Mein liebes Tagebuch, da fragen wir bei Spahn mal nach – nach der Wahlparty.

Ja, ja, die Grünen. Da haben sie ein politisches Eigentor geschossen: In ihrem Wahlprogramm kritisieren sie im Abschnitt zur Gesundheitspolitik, dass die GKV-Beiträge nicht mehr paritätisch durch Arbeitnehmer und Arbeitgeber finanziert werden. Schuld daran sei die schwarz-gelbe Bundesregierung. Na, ihr Grünen, das war ja wohl voll daneben. Zusammen mit Rot habt ihr 2005 die Parität selbst abgeschafft! Mein liebes Tagebuch, was sollen wir von einer Partei halten, die nicht mehr weiß, was sie tat? Wird sie überhaupt wissen, was sie tun will? 

Mittlerweile kam ‘ne kleinlaute Korrektur in der Kurzfassung des Wahlprogramms, allerdings ohne einzuräumen, dass sie die Parität zusammen mit Rot abschafften. Ja, ja, ist das nicht die Partei, die auch mal Cannabis legalisieren wollte?

Mein liebes Tagebuch, wie sagte es doch Daniel Bahr in einem Interview: „Wenn die Apotheker gerade die Beratungsqualität, ihre Aufgabe vor Ort in der Versorgung, weiter ausbauen, dann ist das das Leitbild des Apothekers.“ Na also, liebe ABDA, liebe Geheimkommission zum Apotheker-Leitbild, das ist die Richtschnur. Jetzt noch ein bisschen Butter bei die Fische und unser neues Leitbild ist fertig. Wir sind gespannt auf den Apothekertag, wenn’s vorgestellt wird.

Es holpert noch beim Nacht- und Notdienstfonds in Berlin. Diese neue eigenständige Außenstelle des Deutschen Apothekerverbands ist die Stelle, die das Bürokratiemonster des Apothekennotdienstsicherstellungsgesetzes zum Laufen bringen muss. Keine leichte Aufgabe in der kurzen Zeit. Da mussten Mitarbeiter gesucht, Räume bezogen werden. Dann der Aufbau der gesamten Infrastruktur, angefangen bei der Fonds-Identnummer für jede Apotheke über den Selbsterklärungsbeleg bis hin zum Aufbau eines Internetauftritts, der zeitnah über alles, was mit dem Fonds zu tun hat, informiert. Und dann waren da im Vorfeld noch die Abläufe bei den Rechenzentren – alles superdatengeschützt, gell, da beißt sich die NSA die Zähne dran aus! – und die Vorarbeit bei den Apotheken-IT-Häusern. Wirklich viel zu tun. Wenn es da mit der Fertigstellung und dem Versand der Sonderbelege, mit denen die Apotheken die auf Privatrezept abgegebenen Rx-Arzneimittel erfassen und einreichen müssen, noch etwas holpert, dann sind wir nachsichtig. Hauptsache, es kommt dann rechtzeitig eine fette Nachtdienstauszahlung – mein liebes Tagebuch, wir sind gespannt, wie viel davon wiederum an die Bürokratie verloren geht.

Aber, mein liebes Tagebuch, es gibt Kammern, die überlegen sich sogar, wie sie den Nacht- und Notdienst patientenfreundlicher organisieren können. Und er soll dadurch sogar noch effizienter und gerechter für die Apotheken werden: Ab 1. Januar 2014 wird der Notdienst im Kammergebiet Nordrhein neu organisiert, Schlagwort „NDK 2.0“. Der Standort des Patienten soll in den Mittelpunkt rücken, die Apotheken im Kammerbezirk Nordrhein sollen entlastet werden (jährlich um einige Tausend Dienste) und alles soll gerechter werden. Im Hintergrund werkelt ein EDV-Programm, das die neuen Notdienstpläne ausrechnet. Hört sich spannend an. Im September will die Kammer dazu ausführlich informieren. Wenn’s gut ist, wär’s wohl ein Modell für andere Kammern.

29. August 2013

Ja, wer sagt’s denn? Stiftung Warentest erinnert sich daran, dass es Apotheken gibt – in positivem Sinn! In der September-Ausgabe gucken sich die Warentester die Arzneimitteleinnahme im Alter an: oft zu viel, zu problematisch, nicht passend (Priscus-Liste). Deshalb: die Patienten sollten eine Liste aller ihrer Arzneimittel anlegen und sie dem Hausarzt/Facharzt  vorlegen. Aber – und jetzt kommt’s – auch in der Apotheke, wenn sie ein neues Medikament abholen, um einen Wechselwirkungs-Check machen zu lassen. Denn: „Das kann auch der Apotheker prüfen“, empfiehlt die Stiftung Warentest. Wow, ist es bis dahin durchgedrungen, dass das die Apotheker können. Das macht Hoffnung, mein liebes Tagebuch. Vielleicht erkennen die Warentester endlich an, dass es die Apotheker sind, die sich mit Arzneimitteln auskennen. Oder muss die ABDA, müssen wir alle hier dieses Feld noch offensiver angehen?

Die Fronten sind verhärtet. Wie oft haben wir diesen Satz schon geschrieben, mein liebes Tagebuch, wenn es um die Beziehung zu den gesetzlichen Krankenkassen, zum GKV-Spitzenverband ging. Jetzt ist es wieder so weit. Der GKV-Spitzenverband lässt die Apotheker schon wieder im Regen stehen – bei der Umsetzung der Änderungen des neuen Rahmenvertrags. Da geht es darum, dass der Retaxationswillkür der Kassen ein Ende bereitet wird. Von Seiten des Deutschen Apothekerverbands (DAV) ist das Papier unterschrieben. Aber die Kassen zicken, wie die Verhandlung in dieser Woche gezeigt hat. Der GKV-Spitzenverband will die Regelung zur Retaxation so nicht unterschreiben. Es soll noch die Begründung zu einem Urteil zur Nichtabgabe von Rabattarzneimitteln abgewartet werden. In den Augen des DAV sei dies bereits berücksichtigt. Becker hat Recht: Durch das Hinauszögern „lässt der GKV-Spitzenverband die Apotheken schutzlos im Regen stehen und gibt unangemessenen Nullretaxationen diverser Krankenkassen weiterhin Spielraum“. Vermutlich wird und kann es zwischen Apothekern und Krankenkassen nie eine echte Partnerschaft geben. Schade, aber Realität.

30. August 2013

Ein interessantes Urteil: Apotheker und Arzt haften bei einem Verschreibungsfehler gemeinsam. Also, wenn sich der Arzt bei einer Rezeptverordnung vertut und der Apotheker merkt’s nicht und der Patient trägt einen Schaden davon, dann ist der Apotheker mit dran. Im vorliegenden Rechtsfall hatte der Arzt versehentlich ein Herzpräparat in achtfach überhöhter Dosierung für einen Säugling verschrieben. Und der Apotheker hat den Fehler nicht erkannt und das Präparat abgegeben. Der Säugling erlitt nach Gabe des Präparats einen Herzstillstand und musste reanimiert werden. Jetzt kann es sein, dass der Apotheker  gemeinsam mit dem Arzt den Eltern Schmerzensgeld zahlen muss (die Revision beim Bundesgerichtshof ist zugelassen). Die Richter sind der Auffassung, dass es für den Apotheker kein blindes Vertrauen in die Verordnung des Arztes geben darf. Apotheker müssten sich eigene Gedanken über die Richtigkeit und Sinnhaftigkeit einer Verordnung machen und im Zweifel beim Arzt nachfragen. Hmm, mein liebes Tagebuch, das Urteil müssen wir uns merken. Denn, abgesehen von aller Tragik für das geschädigte Kind, für die Eltern: das Urteil stärkt die Verantwortung des Apothekers – und seine Kompetenz. Mal einfach ausgedrückt: Wenn wir in Zukunft eine größere Rolle in der Medikation spielen wollen, dann müssen wir Verantwortung übernehmen – mit allen Konsequenzen. Dann müssen wir auch auf unsere Ärzte zugehen, kollegial mit ihnen reden und sie gegebenenfalls auf Fehler hinweisen. Da wird sich noch einiges verändern müssen…

Ohgottohgott, man sieht sie schon förmlich im Vorfeld zittern und bibbern, unsere ABDA-Phalanx auf dem Apothekertag. Ja, sie haben – auf Druck der verfassten öffentlichen Meinung –  ein Diskussionsforum zur Berufspolitik ins Programm des Deutschen Apothekertages aufgenommen, ein Forum, in dem jede Apothekerin, jeder Apotheker sich zu Wort melden kann und mitdiskutieren darf. Einfach so, ohne Voranmeldung. Huch! Ganz wohl scheint es ihnen nicht zu sein – vielleicht ein bisschen Angst vor der eigenen Courage? Und das Ganze wird auch noch live übers Internet gestreamt. Praktisch in die ganze Welt. Huch, huch. Geleitet wird das Forum durch den Präsidenten Schmidt. Moderiert wird’s, wie bereits  kolportiert, von Elmar Esser, einem der früheren ABDA-Pressesprecher.

Damit in der dreistündigen Veranstaltung nichts entgleist, gibt es natürlich schon ein paar Regeln, das muss sein: Diskutiert werden soll übers Leitbild und Themen wie Versorgungsqualität, flächendeckende Versorgung, Nachwuchsförderung, Berufsausbildung und Honorierungssystematik. Beschlüsse werden selbstverständlich nicht gefasst. Man möge sich kurz fassen (maximal drei Minuten). Wer stört, die Veranstaltung behindert oder nicht zur Sache spricht, kann rausfliegen. Mein liebes Tagebuch, wir schauen mit großen Augen auf das Diskussionsforum. Bemerkenswert, dass ein solcher Gedankenaustausch, eine unmittelbare Einbindung der Basis in den Apothekertag erst im Jahr 2013 ermöglicht wird. Ach ja, Apothekers, es gibt noch viel zu tun.

 


Peter Ditzel


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