Sportsucht

Ausdauersportarten können abhängig machen

Erlangen-Nürnberg - 19.06.2013, 11:29 Uhr


Wer eine Ausdauersportart wie zum Beispiel Triathlon, Laufen oder Radfahren betreibt, läuft Gefahr, an einer Sportsucht zu erkranken. Das haben Sportwissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und der Universität Halle-Wittenberg in einer Studie nachgewiesen, für die 1.089 Athleten befragt wurden.

4,5 Prozent der untersuchten Sportlerinnen und Sportler waren sportsuchtgefährdet. Besonders gefährdet sind jüngere Athleten, Triathleten und jene, die sich besonders oft körperlich ertüchtigen. Die höchsten Gefährdungswerte weisen jedoch Sportler auf, die bereits jahrelang trainieren. Das Ziel, das die Betroffenen verfolgen: Sie wollen eine positive Stimmung aufrechterhalten.

Sportsüchtige missachten körperliche Signale und laufen auch trotz höllischer Schmerzen weiter. Diese Menschen müssen zwingend therapiert werden, so die Erlanger Wissenschaftler. Ein anderes Indiz für Sportsucht ist der soziale Verfall bei Ausdauersportlern. Sie tolerieren etwa, dass ihre Ehe in die Brüche geht oder dass sie ihr soziales Umfeld nicht mehr wahrnehmen, weil sie immer mehr Sport brauchen. Der Ausdauersport wird für Sportsüchtige zum zentralen Motiv. Ähnlich wie Raucher oder Alkoholiker leiden sie unter Entzugserscheinungen. Sie befinden sich etwa in einer depressiven Stimmung, verspüren innere Unruhe oder berichten von Schlaflosigkeit. Anders verhalten sich jene Ausdauersportler, die als gefährdet eingestuft werden. Sie haben die Kontrolle noch nicht verloren und achten noch auf körperliche Symptome.

Die Grenzen zwischen dem normalen ehrgeizigen Sportler und dem gefährdeten sind schwer zu ziehen – die Wissenschaftler gehen im Rahmen ihrer Studie nach einem Punktebewertungsschema vor. Sie konzentrieren sich dabei auf die Untersuchung der sogenannten primären Sportsucht/Sportsuchtgefährdung und auf die Ursachen ihrer Entstehung.

Demgegenüber steht die "sekundäre" Sportsucht/Sportsuchtgefährdung. Sie tritt häufig in Verbindung mit Essstörungen auf. Die Sporttreibenden möchten Figur oder Gewicht kontrollieren oder verändern. Die Entwicklung einer Sportsucht bzw. Sportsuchtgefährdung wird auch dann begünstigt, wenn etwa junge Frauen mit ihrer Figur unzufrieden sind, obwohl sie einen normalen BMI haben.

Sportsuchtgefährdung scheint in Zusammenhang mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen zu stehen. Gründe für ein exzessives Sporttreiben können zum Beispiel ein negatives Selbstwertgefühl sein, Zwanghaftigkeit oder ein Hang zum Perfektionismus.

Literatur: Ziemainz, H., et al.: Die Gefährdung zur Sportsucht in Ausdauersportarten. Dtsch. Z. Sportmed. 2013;64:57-64; Online: doi: 10.5960/dzsm.2012.057.


Dr. Bettina Hellwig