Die letzte Woche

Mein liebes Tagebuch

28.04.2013, 08:00 Uhr


Es war die Woche der tausend Fragezeichen – trotz hunderter von Antworten. Wird das Gesetz zur Zahlung der Notdienstpauschale Mitte des Jahres starten können? Wird es den Apotheken in diesem Jahr wirklich besser gehen? Warum will die ABDA keine Stellungnahme gegen die „Pille danach“ abgeben? Sagt der Prüfbericht zur Datenaffäre wirklich schon alles über Zahlungsströme bei der ABDA aus? Warum wäscht El Pato jetzt schmutzige Wäsche? Mein liebes Tagebuch, und dann gab es noch ein Wirtschaftsforum des Deutschen Apothekerverbands, auf dem sich u. a. Samy Molcho (der mit der Körpersprache), Heiner Brand (der mit dem Handball) und Josef Hecken (der mit DocMorris) ein Stelldichein gaben. Und alle wollten dem Apotheker etwas sagen...

22. April 2013

Wetten, liebes Tagebuch, dass den meisten von uns die Existenz eines Normenkontrollrats (NKR) nicht bewusst war? Das ist so ein vom Bundespräsidenten  berufenes Gremium von Rechtsexperten, das es seit 2006 gibt. Der NKR soll die Bundesregierung bei einer besseren Rechtsetzung unterstützen und helfen, Bürokratie abzubauen. Nette Einrichtung. (Hätte auch mal einen Blick auf die  Apothekenbetriebsordnung werfen sollen!) Aber jetzt ist dem NKR das Apothekennotdienstsicherstellungsgesetz (ANSG) auf den Tisch geflattert. Und es hagelt Kritik. Zu bürokratisch, zu eilig durchgeboxt, keine Prüfung von Alternativen. Ups, und nun? Ist ja richtig, dass es bei diesem Gesetz ziemlich bürokratisch zugeht, aber ob es wirklich einfacher geht? Wird diese Kritik dazu führen, dass sich das Gesetz weiter verzögert? Und die Notdienstpauschale statt im Juli oder August erst im Oktober oder Dezember gezahlt wird? Irgendwie ist da der Wurm drin.

Immerhin, Gesundheits-, Finanz- und Wirtschaftsausschuss im Bundesrat haben sich schon mal grundsätzlich für das ANSG ausgesprochen. Aber auch diese Ausschüsse bemängeln „erhebliche und unnötige Bürokratiekosten“ und bitten darum, im weiteren Gesetzgebungsverfahren Alternativen zu entwickeln. Klar, liebes Tagebuch, von den 120 Millionen sollten so viele wie möglich bei den Apotheken ankommen und nicht in der Fondsverwaltung und der Bürokratie hängenbleiben. Also, schlanke Bürokratie, aber zackzack, bitte.

23. April 2013

Ist es nicht absurd, wie schwer sich Deutschland mit der „Pille danach“ tut? Während sie in den meisten europäischen Ländern problemlos ohne Rezept über Apotheken abgegeben werden darf, windet sich in Deutschland jeder Verband: prinzipiell ja, aber, vielleicht doch nicht, aber nur wenn und überhaupt nur möglicherweise. Sogar der GKV-Spitzenverband meldet sich zu Wort. Er will die ärztliche Verordnung beibehalten und zitiert verschwurbelte formale und rechtliche Einwände.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt in ihrer Stellungnahme vor einer Verschlechterung der Versorgungsqualität, wenn die „Pille danach“ ohne Rezept erhältlich ist – da fragt man sich doch, wieso? Der Deutsche Pharmazeutinnen Verband hat dagegen nichts dagegen und spricht sich in seiner Stellungnahme für die Freigabe aus. Nur unsere Bundesapothekerkammer und die ABDA weigern sich, eine schriftliche Stellungnahme zur Freigabe der „Pille danach“ abzugeben. Fragen wolle man zwar beantworten. Eine schriftliche Stellungnahme im Vorfeld mache aber keinen Sinn, heißt es. Liebes Tagebuch, das verstehe wer wolle. Warum hat man Angst davor, ein schriftliches Statement abzugeben in dem Sinne: Ja, Deutschlands Apothekerinnen und Apotheke sind bereit, die Versorgung mit der „Pille danach“ kompetent zu übernehmen? Irgendwie sieht das ganz danach aus, als wollten sich die Apotheker vor einer Positionierung in dieser auch gesellschaftlichen Frage drücken. Liebes Tagebuch, ist das nicht ein Armutszeugnis? So typisch apotheker-like: bloß keine Stellungnahme beziehen, gell! Wenn wir so weitermachen, wird‘s in Zukunft nichts mit einem modernen Berufsbild und mit Übernahme von Verantwortung. Es ist zum Haare raufen.

An der Basis werden mehr und mehr Stimmen laut, die deutlichere Erklärungen zum Untersuchungsbericht über ABDA-Strukturen und Zahlungen an El Pato verlangen. Zum Beispiel der stellvertretende Vorsitzende des Hessischen Apothekerverbands, Dr. Hans Diefenbach. Er will‘s genau wissen und Einsicht in die Originalfassung des Prüfberichts. Mit der Kurzfassung mag er sich nicht zufriedengeben. Er fragt die ABDA auch, ob und wie viel Geld die ABDA für Werbeblöcke beim Fernsehsender N24 in zeitlichem Zusammenhang mit Friedemanns Schmidt Talkshow „Deutschland akut“ ausgegeben hat. Fragen darf man alles, liebes Tagebuch, ob er eine Antwort bekommt? Und: wird die ABDA wirklich schon einen Schlussstrich unter die Affäre ziehen können? On va voir.

24. April 2013

Jetzt wissen wir, wie viel Geld es für den Notdienst geben wird: Stadtapotheken dürften jährlich etwa 3500 Euro aus dem Notdienst-Fonds erhalten, Landapotheken etwa 18.000 Euro – wenn die Notdienstpauschale bei etwas 250 Euro liegt. Jawohl, das hat die parlamentarische Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium, Ulrike Flach vorgerechnet. Laut ABDA-Zahlen leisteten Deutschlands Apotheken im vergangenen Jahr rund 450.000 Voll-Notdienste, also von 20 Uhr bis 6 Uhr.

50. Wirtschaftsforum des Deutschen Apothekerverbands in Potsdam. In diesem Jahr eine Varieté-Show mit Apothekenzahlen, Betriebswirtschaft, Polit-Talk, Samy-Molcho-Show, dann Megatrends für die Zukunft, Evidenzbasierte Medizin, G-BA-Hecken und Handballer-Motivation mit Heiner Brand. Langweilig war‘s kaum.
Liebes Tagebuch, kurz die Fakten: Es gibt „Licht am Ende des AMNOG-Tunnels“, wie es ABDA-Wiso-Leiter Karl-Heinz Resch formulierte. 2012 brachte für die Apotheken das niedrigste Betriebsergebnis seit Jahren. Für die meisten Apotheken, die den AMNOG-Tunnel überlebt haben, geht‘s jetzt wieder aufwärts. Na ja, wenigstens ein bisschen aufwärts. Wie Dr. Frank Diener von der Treuhand Hannover vorrechnete, könnte für die typische Apotheke in diesem Jahr vor allem dann mehr unterm Strich stehen, wenn der Kassenabschlag niedrig bleibt und die Nachtdienstpauschale gezahlt wird.

In den Sternen steht, ob es irgendwann einmal eine Dynamisierung des Apothekenhonorars geben wird. Verbandschef Becker zeigte sich jedenfalls kämpferisch: Der Apothekerverband wird in den nächsten Tagen im Bundesgesundheitsministerium aufschlagen und Forderungen nach Honoraranpassung vorstellen. Auf geht‘s!
Es soll außerdem ein neuer Rahmenvertrag mit den Kassen geschlossen werden, der helfen soll, unberechtigte Retaxierungen durch die Kassen zu vermeiden. Becker gab sich optimistisch, dass die Mitgliederversammlung dem Vertrag zustimmen wird. Allerdings soll es auch Mitgliedsverbände geben, die einen besseren Vertrag in der Tasche haben und dem Rahmenvertrag nicht zustimmen wollten. In der nächsten Woche werden wir wissen, wie die Abstimmung ausgegangen ist.

Und dann, Auftritt mit Staunfaktor auf dem Wirtschaftsforum: Josef Hecken is back! Er  spricht vor Apothekerinnen und Apothekern. Ja, es ist derselbe Hecken, der im Jahr 2006 in seiner Position als saarländischer Justiz- und Gesundheitsminister einer DocMorris-Filialapotheke in Saarbrücken, die der niederländischen Kapitalgesellschaft DocMorris gehörte, die Betriebserlaubnis erteilte – ganz klar im Widerspruch zum deutschen Apothekenrecht. Wir erinnern uns: DocMorris gehörte zu Celesio unter Oesterle. Celesio gehört zum Haniel-Konzern, der wiederum viele Anteile an der Metro AG besitzt. Und Hecken war früher mal beim Metro-Konzern beschäftigt – so greift eben manchmal eins ins andere, nicht wahr? Tja, und der saarländische Ministerpräsident Peter Müller, Josef Hecken und Celesio-Chef Fritz Oesterle hatten damals gemeinsam die Meinung vertreten, der deutsche Apothekenmarkt müsse liberalisiert werden. War ein „nettes“ Statement dieses Trios. Wie das Scharmützel ausging, wissen wir: Der Europäische Gerichtshof bestätigte das Fremd- und Mehrbesitzverbot und sprach sich für die inhabergeführte Apotheke aus. Der angedachte Liberalisierungscoup platzte.
Was nun mit Hecken? Er wurde ins Bundesversicherungsamt „promoviert“, dann bekam er den Posten des Staatssekretärs im Bundesfamilienministerium und als die Leiterstelle beim Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) vakant wurde, berief man Josef Hecken. Liebes Tagebuch, so läuft‘s im „öffentlichen Dienst“.
Schwamm drüber, dachte sich Becker, am G-BA kommt man nicht vorbei. Becker begrub das Kriegsbeil  und lud Hecken zum Wirtschaftsforum ein. Hier parlierte er dann über die Nutzenbewertung von Arzneimitteln und die Aufgaben des G-BA. Ach ja, liebes Tagebuch, man muss halt auch mal vergessen können, nicht wahr?

Mein liebes Tagebuch, jetzt geht‘s ans Eingemachte. Kann es sein, dass sich die Medienagentur El Pato durch den von der ABDA in Auftrag gegebenen Untersuchungsbericht über die Geschäftsbeziehungen zwischen ABDA und El Pato irgendwie getroffen fühlt? Wie anders wäre es sonst zu erklären, dass El Pato in einem  über „Apotheke adhoc“ verbreitetem Beitrag („Manöver am Abgrund“) versucht schmutzige Wäsche zu waschen? Einem Beitrag, der zwischen Behauptungen und ABDA-Interna, die nur Insider kennen können und für Außenstehende nicht nachprüfbar sind, und Kommentar schwankt. Ein Beitrag, der darauf hinausläuft: Wer hat welche Rechnungen bei der ABDA ab- und gegengezeichnet? Irgendwie hat man das Gefühl, dass Ex-ABDA-Pressesprecher Thomas Bellartz hier den beiden Autoren von Apotheke adhoc die Feder geführt hat. Statt ABDA-Manöver am Abgrund vielleicht ein Ablenkungsmanöver von El Pato?

Nochmals „Pille danach“: öffentliche Anhörung des Ausschusses für Gesundheit des Deutschen Bundestags. 14 Stellungnahmen von Verbänden und Interessengruppen waren eingereicht worden, aber keine Stellungnahme der ABDA (siehe oben). Fazit der Anhörung: Ob eine Aufhebung der Rezeptpflicht für die „Pille danach“ wünschenswert und medizinisch sinnvoll ist, bleibt umstritten.

25. April 2013


Mal was Aufbauendes zwischendurch: Präventionsangebote von Apotheken sind bei Kunden sehr gefragt. Laut einer Umfrage des Wissenschaftlichen Instituts für Prävention im Gesundheitswesen (WIPIG) sind vor allem Impfpass-Check, Blutdruck-, Blutzucker- und Blutfettwertemessungen beliebt. Also, let‘s go Leika.

26. April 2013

Liebes Tagebuch, für die ABDA ist das Thema Datenaffäre und Zahlungen an El Pato mit der Veröffentlichung des Prüfberichts abgeschlossen. Sagte ABDA-Präsident Friedemann Schmidt in meinem Interview mit ihm (siehe die kommende AZ). Hmmm, jetzt wird es darauf ankommen, ob und inwieweit die Mehrheit der Apothekerinnen und Apotheker ihm und der ABDA vertrauen. Und ob sie ihm und der ABDA zutrauen, neue, transparente Strukturen in der Jägerstraße einzuziehen. Und ob die Mitgliedsorganisationen ihm erlauben, mehr Transparenz zu verwirklichen. Möglicherweise wird es da noch zu dem einen oder anderen Reibungsverlust kommen. Ein weiterhin offener Umgang mit aufkommenden Fragen wäre wünschenswert.

Und wieder das leidige Gutschein-Thema: Verwarnung vom Berufsgericht für Heilberufe für eine Apothekerin, die ihren Kunden einen 50-Cent-Gutschein bei der Einlösung eines Rezepts gewährt hat. Das Problem in diesem Fall war: Der Gutschein enthielt keinen Hinweis darauf, dass er nicht für den Erwerb von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln gilt. Zudem hatte die Beschuldigte den Gutschein bei der Rezepteinlösung auch gewährt. Liebes Tagebuch, erst wenn auch die letzte Apothekerin, der letzte Apotheker eine Verwarnung hat, werden alle  wissen, dass es keine Boni für Rx geben darf.

27. April 2013  

Liebes Tagebuch, hab gerade im Feuilleton gelesen, dass bald ein neuer Film unter dem Titel „Der Medien-Mogul“ in die Kinos kommt. Ich sag dir, eine spannende Story, obwohl sie frei erfunden sein soll und keine Ähnlichkeit mit lebenden Personen und Ereignissen hat. Das Drehbuch spielt in der Landschaft der Medienagenturen, mitten in Berlin. Medien-Mogul Thomas B. Carlos agiert als Patriarch (der „Pate“ lässt grüßen) seiner spanisch angehauchten Medienagentur El Ganso. Carlos genießt seine Medienmacht, er weiß um den Einfluss von Nachrichten, wie man manipuliert, schockiert – und abkassiert. Um sein geliebtes feudales Leben zwischen Berlin, New York und London zu finanzieren, lässt er sich selbst bei Auftraggebern anstellen, um dort Gelder an seine Agentur überweisen zu können. Ein Super-Geschäftsmodell. Als der Filz auffliegt, taucht er ab. Die düpierten Auftraggeber fragen sich, wie das passieren konnte, lassen alles untersuchen und gehen an die Öffentlichkeit mit Ergebnissen, die den Mogul samt Agentur in ein zweifelhaftes Licht tauchen. Doch Thomas B. Carlos wäre nicht der Mogul, wenn er nicht über El Ganso zurückschlagen würde. Und so nutzt er seine mediale Macht, um Schwächen seiner Ex-Auftraggeber in der Öffentlichkeit bloßzustellen. Über seine Schreiberlinge bei El Ganso lässt er mit großer Inszenierung vermeintliche Hintergründe und Interna der Auftraggeber enttarnen. Carlos‘ Ziel muss es sein: er Saubermann und die Auftraggeber der Filz. Er möchte raus aus der Versenkung, zurück ins große Leben, endlich wieder Champagner trinken und Cohiba rauchen. Ob ihm das gelingt, ob El Ganso ihm dabei helfen kann, soll Teil 2 des spannenden Films zeigen. Liebes Tagebuch, den Film müssen wir uns anschauen.


Peter Ditzel


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