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Dr. App statt Arztbesuch?

30.01.2013, 11:39 Uhr


Wie in allen anderen Bereichen gibt es auch im Gesundheitssektor eine Fülle von Smartphone-Anwendungen, Apps genannt. Allerdings gibt es bisher keinerlei Zertifizierungssystem, und so gibt es beträchtliche Qualitätsunterschiede.

Eine Gruppe von Forschern untersuchte vier verschiedene Apps zur Früherkennung von Melanomen. Es wurde jeweils ein Foto aus der klinikeigenen Datenbank hochgeladen und ermittelt, ob es sich bei den präsentierten Hautveränderungen um gut- oder bösartige Läsionen handelt. Alle 188 in die Untersuchung eingeschlossenen Male waren vor der chirurgischen Resektion aufgenommen worden und die histologischen Befunde den Initiatoren der Untersuchung bekannt. Bei einer der vier Apps wurde das Bild tatsächlich von einem Dermatologen beurteilt, alle anderen verwendeten automatisierte Algorithmen zur Befunderhebung. Mögliche Befunde waren positiv, gleichbedeutend mit bösartig, negativ oder nicht auswertbar. Jedes Bild wurde mit jeder App analysiert. Primärer Endpunkt war die Sensitivität, die Rate der richtig positiven Befunde, außerdem wurde die Spezifität, die Rate der richtig negativen Befunde, ermittelt.

Die Sensitivität reichte von 6,8 bis 98,1%, die Spezifität von 30,4 bis 93,7%. Hinsichtlich der Sensitivität  schnitt die App am besten ab, bei der der Befund von einem  Dermatologen erhoben wurde. Hier wurde eins von 53 auswertbaren Melanomen fälschlicherweise als gutartig bewertet. Basierte die Auswertung nur auf automatisierten Algorithmen, war das Ergebnis deutlich schlechter. Bei der besten der drei Apps wurden immerhin noch 30% der vorgelegten Melanome als unbedenklich eingestuft, bei der schlechtesten waren es sogar über 90%. Die Tatsache, dass eine gewisse Selektionsbias bestand - die Bilder stammten aus der Klinikdatenbank, es handelte sich also ausschließlich um Hautveränderungen, wegen deren Auffälligkeit Patienten beim Dermatologen vorstellig geworden waren -, rückt das Ergebnis in ein noch schlechteres Licht. Auch die Rate der falsch positiven Befunde lag bei drei der vier Apps deutlich über 50%. Hier schnitt allerdings das Produkt mit der Befunderhebung durch den Dermatologen nicht am besten ab.

Insgesamt kommen die Autoren zum Schluss, dass Früherkennung von Melanomen durch die Patienten die Mortalität reduzieren könnte und generell begrüßenswert wäre, aber in dieser Form mehr schadet als nutzt. Die Nutzer dieser Apps müssen explizit darauf hingewiesen werden, dass die Anwendung den Besuch beim Arzt nicht ersetzen kann.

Die Melanom-Apps sind, was diese Problematik betrifft, nur ein Beispiel von vielen: Medizinische Apps unterliegen keinerlei regulatorischer Aufsicht, und für den Laien ist es in den meisten Fällen unmöglich, objektive Bewertungen zu bekommen. Für bestimmte Belange können diese Anwendungen von großem Nutzen sein. So werden zum Beispiel Blutzucker- oder Blutdruckwerte verwaltet, oder über die App kann direkt mit der betreuenden Apotheke kommuniziert werden. Aber der mögliche Nutzen muss in jedem Einzelfall kritisch hinterfragt werden. Im Zweifelsfall sollte ein Apotheker oder Arzt zu Rate gezogen werden.

Quelle: Wolf JA, et al. Diagnostic Inaccuracy of Smartphone Applications for Melanoma Detection.JAMA Dermatol. 2013 Jan 16: 1-4. doi: 10.1001/jamadermatol. 2013.2382.


Julia Borsch


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