Rx-Arzneimittel

Schweizer Margen deutlich höher

Solothurn/Berlin - 29.10.2012, 14:53 Uhr


Auf Rx-Arzneimittel fallen in der Schweiz nur 2,5 Prozent Mehrwertsteuer an – die Arzneimittelmargen liegen jedoch deutlich über denen der europäischen Vergleichsländer. Das zeigt der aktuelle santésuisse-Margenvergleich für erstattungsfähige Rx-Arzneimittel.

Bereits zum zweiten Mal verglich santésuisse die schweizerischen Margen mit denen der Referenzländer, auf die sich das schweizerische Bundesamt für Gesundheit für die Festsetzung der Preise für verschreibungspflichtige Arzneimittel stützt (Dänemark, Deutschland, England, Holland, Frankreich und Österreich). Das Ergebnis: In diesem Jahr lagen die Schweizer Handelsmargen im Vergleich zu den europäischen Referenzländern um 410 Millionen Franken höher. Rx-Arzneimittel „belasteten im Jahr 2011 die Prämienzahler in der Grundversicherung mit rund 4,7 Milliarden Schweizer Franken“, so der Branchenverband. Davon seien 1,2 Milliarden Franken als Marge an den Handel geflossen.

Der Dachverband der Krankenversicherer schlägt daher unter anderem vor, die Handelsmargen der Apotheker an das europäische Niveau anzupassen, indem ihnen mehr Leistungen im Rahmen der Grundversicherung übertragen werden, etwa die Betreuung chronisch Kranker oder Rezeptverlängerungen ohne Konsultation. Dadurch könnten im Apothekenkanal 160 Millionen Franken (132 Mio. Euro) an Einsparungen erzielt werden, rechnet der Branchenverband vor. Würden die Margen auf den Durchschnitt des Gesamtmarktes gesenkt, läge die Gesamtmarge der Apotheken – die schweizerische leistungsorientierte Abgabe einbezogen – noch immer auf dem Niveau der höchsten Vergleichsländer, z.B. Deutschland mit 583 Millionen Franken (482 Millionen Euro).

Der Schweizerische Apotheker-Verband pharmaSuisse wirft dem Branchenverband indes vor, mit der Kritik an den Vertriebsmargen „von den längst bekannten strukturellen Problemen und Fehlanreizen im Gesundheitswesen“ ablenken zu wollen. Mit der von santésuisse angedachten Kürzung von 160 Millionen Franken wären rund ein Drittel der Stellen des Apothekenpersonals gefährdet, warnt der Verband. Denn die Lohnkosten machten 60 Prozent des Bruttoertrags aus. „Jede weitere Senkung der Vertriebsmargen ist somit ein direkter Angriff auf das Apothekennetz, gefährdet die Versorgungssicherheit der Bevölkerung und bedroht Arbeitsplätze.“ Dennoch stünden die Schweizer Apotheken bereit, in der Grundversorgung der Bevölkerung, wie von santésuisse vorgeschlagen, weitere Aufgaben zu übernehmen.

Auf den Vorschlag des Branchenverbands, zur Angleichung der Marge außerdem etwas am doppelten Verdienst der Schweizer Ärzte zu ändern, weil er „ökonomisch nicht begründbar“ sei, reagierte der Apothekerverband dagegen positiv. Damit werde der in Teilen der Schweiz praktizierte Arzneimittelverkauf durch Ärzte endlich in Frage gestellt. Derzeit erhalten selbstdispensierende Ärzte in der Schweiz zum einen eine Vergütung über den Einzelleistungstarif Tarmed, zum anderen über die Handelsmarge bei den Arzneimitteln. „Dieses europaweite Unikum ist ein krasser Fehlanreiz für die Ärzte“, betont pharmaSuisse. Ärzte sollten zwar für ihre Leistungen in ihrem Kernkompetenzbereich korrekt abgegolten werden – dazu zähle aber nicht die Arzneimittelabgabe.

Die Schweizer Apotheken stellen mit 52 Prozent den wichtigsten Absatzkanal neben den selbstdispensierenden Ärzten (34 %) und der ambulanten Behandlung im Krankenhaus (14 %) dar.


Juliane Ziegler


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