Grippeimpfstoff-Chaos

Suche nach dem Verantwortlichen

Berlin - 25.10.2012, 16:54 Uhr


In einigen Bundesländern gehen die Grippeimpfstoff-Vorräte zur Neige, in anderen gab es nie Vorräte und erste ausgelieferte Chargen werden bereits zurück genommen. Es wird viel geschimpft – und keiner will verantwortlich für das Chaos sein: Das Bundesgesundheitsministerium verweist auf den Sicherstellungsauftrag der Krankenkassen und die Gesundheitsministerien der betroffenen Länder, die die Aufsicht über die Kassen haben, sehen den Bund in der Pflicht.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wirbt derzeit auf großen Plakaten unter dem Motto „Deutschland sucht den Impfpass“ für den präventiven Piks. Dies wirkt ein wenig grotesk, wenn man bedenkt, wie holprig die Versorgung mit Grippeimpfstoffen in dieser Saison verläuft. „Deutschland sucht den Impfstoff“ – ist zurzeit wohl die treffendere Aussage, jedenfalls so lange es um Grippeimpfstoffe geht.

Der Ruf nach einer Abkehr von Ausschreibungen wird daher immer lauter. So erklärte heute auch die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK), die von den Krankenkassen abgeschlossenen Rabattverträge über Grippe-Impfstoffe seien aus heilberuflicher Sicht „nicht vertretbar“. Die Versorgungssicherheit werde durch das „Ausprobieren“ neuer Vertriebswege unnötig aufs Spiel gesetzt, beklagt der AMK-Vorstizende Martin Schulz. Er plädiert dafür, den bewährten Lieferweg von den Herstellern über die Großhändler und Apotheken bis zu den Ärzten wieder zum Standard werden zu lassen. „Bei Grippe-Impfstoffen dürfen die Patienten nicht auf die Versorgung durch nur einen Hersteller angewiesen sein“, fordert Schulz.

Doch die Aufsichtsbehörden sehen offenbar noch keinen Grund, einzugreifen. Im nordrhein-westfälischen Gesundheitsministerium – zuständig für die in Schleswig-Holstein und Hamburg federführende AOK NordWest – hieß es gegenüber DAZ.online, Verstöße gegen das Vergaberecht seien nicht bekannt. „Versorgungspolitisch sind die anfänglichen Lieferengpässe bedauerlich“, so das Ministerium, „sie sind jedoch nach unserem Kenntnisstand nicht der AOK anzulasten und sprechen auch nicht gegen Ausschreibungen an sich“. Einen kleinen Seitenhieb gibt es aus dem Norden dennoch: „Wir gehen davon aus, dass die negativen Erfahrungen bei zukünftigen Ausschreibungen berücksichtigt werden.“

Der Bayerische Gesundheitsminister Dr. Marcel Huber erklärte gegenüber DAZ.online, die verantwortlichen Krankenkassen und Novartis müssten angesichts der sich verschärfenden Situation alles tun, um weiteren Impfstoff zur Verfügung zu stellen. Aber auch der Bund müsse „seiner nationalen Verantwortung gerecht werden“ und die rechtlich erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um eine ausreichende Impfstoffversorgung in ganz Deutschland sicherzustellen – zum Beispiel über Importe aus nicht-europäischen Ländern.

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Juliane Ziegler/Kirsten Sucker-Sket


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