Volkskrankheit Alkoholsucht

Mehr und individuellere Behandlung nötig

Berlin - 25.06.2012, 16:05 Uhr


Mehr Arzneimittel- und therapeutische Interventionsbehandlungen könnten die in Deutschland hohe Zahl Alkoholabhängiger am wirksamsten reduzieren. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Länderbericht „Alkoholkonsum, Alkoholabhängigkeit und Gesundheitsschäden in Deutschland“, den Professor Jürgen Rehm am Montag anlässlich des Weltdrogentags am 26. Juni in Berlin vorstellte.

Jährlich gibt der Bund für das immer größer werdende gesellschaftliche Problem „Alkoholabhängigkeit“ 26,7 Milliarden Euro aus. Die Krankheit zählt zu den häufigsten Suchterkrankungen in Deutschland: Derzeit gehe man von über zehn Millionen Menschen aus, die hierzulande Alkohol in riskanter Form konsumieren, berichtete Rehm, 1,3 Millionen von ihnen seien krankhaft alkoholabhängig. Und es komme durch Alkoholkonsum nicht nur zu einer erheblichen Krankheitslast: „Allein in Deutschland sterben jährlich 13.600 Männer und 3.950 Frauen unter 65 Jahren vorzeitig durch Alkohol“ – jeder achte Mann und jede vierzehnte Frau.

Das Problem: Es werden weniger als 10 Prozent der Alkoholabhängigen behandelt. Es handelt sich nach Auffassung Rehms noch immer um eine „hoch stigmatisierte Krankheit“. Bei der Berechnung von fünf Szenarien gesteigerter Behandlungsraten und der zu erwartenden Auswirkungen auf die Bevölkerungsgesundheit, zeigte sich, dass die wirksamste Intervention eine Ausweitung der pharmakologischen Behandlung – mit Acamprosat oder Naltrexon – wäre, gefolgt von Kurzinterventionen – maximal 20-minütige Gespräche, in denen der Arzt auf das potenzielle Problem aufmerksam macht, motivierend einwirkt und Auswege aufzeigt – in Krankenhäusern. Würden 40 Prozent aller Alkoholabhängige durch Medikation behandelt, könnten danach jährlich rund 2.000 Todesfälle vermieden werden (1.700 männliche und 300 weibliche).

Einen weiteren Ansatz sprach Professor Dr. Thomas Hillemacher von der Medizinischen Hochschule Hannover an. Ihm zufolge reicht der derzeitige Therapieansatz nicht weit genug, denn in Deutschland sei die Abstinenz als oberstes und einziges Therapieziel definiert. Dieses Ziel sei aber nicht geeignet für alle Abhängigen und führe obendrein zu hohen Rückfallquoten von 70 Prozent im ersten und 90 Prozent im zweiten Jahr nach der Therapie. Vielmehr sollten – wie in allen anderen Therapiekonzepten auch – individuelle, an einer Schadensminderung orientierte Therapieziele festgesetzt werden.


Juliane Ziegler