Im neuen „Spiegel“

„Die Vitaminlüge“

Stuttgart - 15.01.2012, 12:42 Uhr


Nach Darstellung des Spiegel-Berichts redet die Pharmaindustrie den Menschen ein, Vitaminpräparate seien gesund. Doch vielen Fachleute gelten „diese Mittelchen“ nach Auffassung des Magazins als schädlich und: sie „nützen nur denen, die sie herstellen“.

Die neueste Ausgabe des Spiegel (Nr. 3 vom 16. Januar) zieht gegen die Supplementierung mit Vitaminen und Nahrungsergänzungsmitteln zu Felde. 28 Prozent der Bevölkerung in Deutschland zwischen 14 und 80 Jahren nehmen solche Präparate ein, 907 Millionen geben sie dafür aus, wissen Marktforschungsinstitute. Doch der Nutzen der Vitaminisierung der Gesellschaft sei zweifelhaft. Als Beweis für die Nutzlosigkeit und sogar Schädlichkeit zitiert der Spiegel-Autor die Betacarotin-Studie aus dem Jahr 1994, wonach die Einnahme von Vitamin E und Betacarotin bei Rauchern zu einer Erhöhung der Gesamtsterblichkeit um 8 Prozent und der Fälle von Lungenkrebs um 18 Prozent erhöht war. Zu einem ähnlichen Ergebnis sei eine Folgestudie mit Vitamin A und Betacarotin gekommen. Auch die Schädlichkeit von Vitamin E habe sich in einer Studie herausgestellt: Die Männer, die Vitamin E einnahmen, hatten ein um 17 Prozent erhöhtes Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, zitiert der Spiegel die Studie. 
Und laut einer Veröffentlichen der Cochrane-Collaboration, die 67 Studien zu Vitaminen ausgewertet hatte, habe die Zufuhr von Vitaminsupplementen die Sterblichkeit signifikant erhöht und zwar nach Gabe von Vitamin A, Betacarotinen und Vitamin E. Bei Vitamin C und Selen habe sich kein Effekt gezeigt. 

In Zusammenhang mit Vitamin C geht der Spiegel bis ins Dritte Reich zurück und zeigt die Vitamingläubigkeit im Nationalsozialismus auf. Als Beispiele für die Vitamin C-Euphorie werden für die 70er Jahre der Nobelpreisträger Linus Pauling und der umstrittene Dr. Rath genannt. 

Der Beitrag macht dem Leser deutlich, welche Pharmakonzerne hinter dem Vitaminmarkt stecken, beispielsweise Pfizer, GlaxoSmithKline, Merz Pharma und der deutsche Merck-Konzern. Der Schweizer Roche-Konzern habe sich dagegen von seiner Vitaminsparte getrennt, sie gehört heute zum niederländischen Konzern DSM. 

Zur Versorgungssituation in Deutschland fragte der Spiegel den Präsidenten des Max-Rubner-Instituts, des Bundesinstituts für Ernährung und Lebensmittel, Gerhard Rechkemmer. Nach seiner Aussage ist die deutsche Bevölkerung schon durch die normalen Lebensmittel sehr gut mit Vitaminen versorgt, Unterversorgung gebe es allein bei Vitamin D. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) habe zudem festgestellt, dass eine gute Vitamin-D-Versorgung bei älteren Menschen die Zahl von Stürzen und Knochenbrüchen verringern könne, und habe die Einnahme von Vitamin D empfohlen. Doch eine Studie an über 2000 Frau über 70 Jahren habe belegt, fügt der Spiegel hinzu, dass hochdosiertes Vitamin D häufiger zu Knochenbrüche führe. 

Und auch Karl Lauterbach, der gesundheitspolitische Sprecher der SPD, darf im Spiegel-Bericht nicht fehlen. Er fordert, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung müsse viel deutlicher als bisher vor den Vitaminpillen warnen. Er sei vom Nichtwissen bei Ärzten und Apothekern immer wieder schockiert.

Fazit: Neue Erkenntnisse bringt der Bericht nicht, er wärmt alte Studien auf, schießt gegen die Pharmaindustrie und gibt einem allbekannten Gesundheitspolitiker Raum, Stimmung zu machen. 


Peter Ditzel


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