Oesterles Standpunkt

Der Celesio-Manager sucht den mündigen Bürger...

Stuttgart - 29.12.2010, 14:45 Uhr


Wo er Recht hat, hat er Recht – der einstige Rechtsanwalt und heutige Celesio-Manager Oesterle. Wenn jeder unser Gesundheitswesen als mündiger und verantwortungsvoller Bürger in Anspruch nähme, ließe sich die chronische Unterfinanzierung unseres Gesundheitssystems vermutlich in den Griff bekommen

Die in unserem Gesundheitswesen vorherrschende Freibier-Mentalität verleite die Bürger dazu, immer mehr Gesundheitsleistungen einzufordern, unabhängig davon, ob sie angezeigt seien oder nicht, schreibt Oesterle. Der Manager drückt es so aus: „Aus Sicht vieler Menschen ist die gesundheitliche Verantwortung ein Gut, das in immer höherer Qualität und in immer größeren Mengen geliefert werden kann – also ein Gut, das wie Freibier in der Beliebigkeit der Nachfrage steht. Diese Rechnung ist ohne den Wirt gemacht. Der Wirt ist bei uns die gesetzliche Krankenversicherung und damit die schrumpfende Zahl der Beitragszahler – und letztendlich die Solidargemeinschaft der Steuerzahler.“

Nach Oesterles Auffassung muss „gesund bleiben“ und „gesund werden“ viel stärker Teil der Mündigkeit eines jeden Einzelnen werden. Der Pharmahandels-Manager erwähnt als Beispiel  in seinem „Standpunkt“ den häufig zu sehenden direkten Zusammenhang zwischen der Motivation und der Mitarbeit des Patienten und der Länge des Genesungsprozesses: „Leider haben unsere Beitrags- und Vergütungssysteme keinerlei Anreizkomponenten, die diese Mitarbeit des Patienten belohnen.“ Ein Beispiel für ein sinnvolles Belohnungssystem à la Oesterle: Eine Belohnung von Eltern, deren Kinder bei Aufnahme in den Kindergarten nicht übergewichtig sind, würde nach seiner Auffassung helfen, Übergewicht und daraus resultierende Dauererkrankungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Oder: Der „mündige Gesundheitsbürger“ habe ein Recht darauf, Klarheit über Umfang, Kosten und Konsequenzen von Behandlungen zu bekommen.

Ein Schlüsselsatz in Oesterles „Standpunkt“: Er plädiert dafür, dass der Bürger mehr Entscheidungsverantwortung erhält. Der Einzelne müsse selbst entscheiden können, wie viel medizinisch Machbares er in seiner persönlichen Lebenssituation noch nachfragen möchte. So habe der mündige Bürger auch die persönliche Verantwortung und Absicherung von individuell gesetzten Risiken zu übernehmen. Als Beispiel nennt Oesterle die Krankheitsfolgen eines rauschbedingten Unfalls oder von Unfällen in Risiko-Sportarten.

Kommentar: Wo ist der medco-celesio-mündige Bürger?

Prinzipiell ist seinen Thesen weitgehend zuzustimmen. Dass Bürger mehr Verantwortung übernehmen und verantwortungsbewusster mit den Ressourcen umgehen – darauf sollten wir hinarbeiten. Das wäre auch der Traum eines jeden Gesundheitspolitikers. Doch leider musste man, wie auch auf anderen Gebieten, immer wieder feststellen, dass der Mensch nicht nur ein vernunftgesteuertes Wesen ist. Erst als eine Anschnallpflicht im Auto mit einem Bußgeld belegt wurde, griff die Mehrheit der Autofahrer zum Gurt. Und so würde man wohl auch im Gesundheitswesen den mündigen Bürger erst mit einiger gehörigen Portion Zwang zum vernünftigen Umgang mit ihrer eigenen Gesundheit und der Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen bringen.

Oesterle ist auch nicht der Erste, der auf die Idee kommt, dass der Einzelne für individuell eingegangene Risiken selbst die Verantwortung tragen sollte. Das Problem dabei ist nur – und daran sind auch schon andere gescheitert: Wo beginnen die individuellen Risiken? Sollen Skiunfälle nur noch gegen einen höheren Beitrag von der GKV behandelt werden? Wie steht es mit Rauchen, mit dem schnellen Autofahren?

Aber es drängt sich die Frage auf: Warum fordert ein Celesio-Manager, dem Bürger mehr Entscheidungsverantwortung zu übertragen? Sicher nicht aus tiefer innerer Sorge um die Gesundheit der Bürger und um unser Gesundheitssystem. Aus meiner Sicht stehen im Hintergrund strategische Überlegungen, nach und nach den Markt für Unternehmen wie Medco-Celesio vorzubereiten, bei denen die „mündige“ Entscheidung des Bürgers gefordert ist. Der Konzern will in den Markt der Arzneiversorgung und des Managements chronisch Kranker eintreten. Der „medco-celesio-mündige“ Bürger sollte eben nicht die Apotheke seiner Wahl aufzusuchen, sondern so "mündig" sein, sich in die Obhut des Weltkonzerns zu begeben. Der Bürger soll dem Konzern seine Daten anvertrauen, er soll seine Verordnungen vom Konzern checken lassen. Der Konzern wird dann die Präparate für den Bürger auswählen, die aus den für den Konzern passenden Pharmaunternehmen stammen, um sie dann aus der konzerneigenen  Versandapotheke zu liefern. Heißt mündig im Sinne Oesterles: mündig für die Medco-Celesio-Welt?

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Peter Ditzel