Bericht im "Spiegel"

Die Apotheker mit einer „aggressiven Lobby“

Stuttgart - 12.07.2010, 12:11 Uhr


Für das Magazin „Der Spiegel“ ist es ein kleines Wunder: Bei fünf Gesundheitsreformen in den letzten zehn Jahren, zwei Ministern und vielen Leistungserbringern, die heute alle weniger als früher verdienen, sei es nur den „Pillenverkäufern“ gelungen,

Der Beitrag beginnt mit einem Termin, den Celesio-Chef Oesterle mit dem Bundesgesundheitsminister hatte. Er, Oesterle, kämpfe seit langem für die Zulassung von Ketten, mehr Wettbewerb und daraus folgend für sinkende Preise. Zitiert wird das Beispiel Schweden, wo seit der Liberalisierung des Marktes ein Preiskampf entbrannt sei und die Apothekenzahl sogar leicht gestiegen sei.

Aber in Deutschland sind die Apotheken, so der „Spiegel“, „immer noch wie mittelalterliche Zunftbetriebe organisiert“. Nach Meinung des Magazins hätte sich Oesterle das Gespräch mit dem Gesundheitsminister sparen können, denn von den Vorschlägen wurde nichts für die Gesundheitsreform aufgegriffen. Bei den vom Minister vorgestellten Sparplänen seien alle betroffen, die Versicherten, die Pharmabranche, die Kliniken, die Ärzte – nur die Apotheker blieben verschont. Den „Pillenverkäufern“ sei es gelungen, „ohne größere Einbußen davonzukommen“, so das Magazin.

Wie kommt eine solche Aussage zustande, fragt man sich, ist es Absicht oder Nichtwissen? Hat der Autor des Spiegel-Artikels nicht bei den Apothekern recherchiert? Weiß er nicht, dass Großhandelsrabatte weitgehend wegfallen werden, dass durch die Neuordnung der Großhandelsmarge jede Apotheke durchschnittlich mit 7000 bis 10000 Euro belastet wird?

Oder hat sich der Spiegel-Autor nicht getraut, bei den Apothekern nachzufragen. Denn er schreibt selbst, dass „es nicht ganz ungefährlich ist, gegen die Zunft der Pharmazeuten aufzutreten“. Dies habe beispielsweise auch Biggi Bender von den Grünen zu spüren bekommen, die bis heute unter Beobachtung der Apotheker stehe, weil sie versuchte, das Mehrbesitz zu lockern.

Bender kenne viele Kollegen, denen der Druck so zusetze, „dass sie sich dreimal überlegen, ob sie sich mit der Apothekerlobby anlegen wollen“. Auch der FDP-Politiker Chatzimarkakis habe es als politischen Erpressungsversuch empfunden, als ABDA-Präsident Wolf ihn vor der Europawahl zur Seite genommen haben und ihm gesagt haben soll, dass die Standesorganisationen alle FDP-Mitglieder in ihren Reihen gegen den Abgeordneten mobilisieren würden. Chatzimarkakis habe sich nach Wolfs Ansicht nicht entschieden genug gegen die Zulassung von Apothekenketten in Deutschland ausgesprochen.

Der „Spiegel“ führt weitere Beispiele für die intensive Lobbyarbeit der Apotheker an. In Bayern beispielsweise habe die Apothekenlobby beide Parteien, die CSU und die FDP fest im Griff, was sich schon oft bewährt habe.

Und als Schmankerl am Schluss hebt der „Spiegel“ auf das Selbstbewusstsein der Standesorganisation der Apotheker ab: Ein Besuch bei der ABDA in Berlin reiche aus, um dies festzustellen: „Der Hauptsitz liegt in einer ehemaligen Privatbank, einem aufwendig  renovierten Prachtgebäude aus dem 19. Jahrhundert nahe dem Gendarmenmarkt. Gäste werden im großen Tresor empfangen, der nun als Besprechungsraum dient. 60 Leute arbeiten hier für die Interessen der Branche, das sind fünfmal so viel, wie die deutsche Atomwirtschaft im Einsatz hat.“


Peter Ditzel


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