Suchtproblematik

Bundesregierung: Medikamentensucht steigt im Alter

Berlin - 18.05.2010, 08:56 Uhr


Die Bundesregierung sorgt sich um steigende Medikamentensucht im Alter. Zwischen acht Prozent und 13 Prozent der über 60- bis 64-Jährigen weisen einen problematischen Gebrauch

Schätzungen gingen laut Bundesregierung von 1,2 Millionen bis 1,9 Millionen Medikamentenabhängigen in Deutschland aus. Davon betroffen seien häufiger Frauen und häufiger ältere Menschen. Bei 4,7 Prozent der Bevölkerung gebe es ein Muster eines problematischen Gebrauchs von Medikamenten. Dieser Anteil sei seit der Erhebung in 2003 aber konstant geblieben. In den letzten Jahren seien die Verordnungen von Schlaf- und Beruhigungsmitteln im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung zwar zurückgegangen, der Anteil der privat verordneten Mittel steige jedoch an.

Der Aktionsplan zur Verbesserung der Arzneimitteltherapiesicherheit werde derzeit für die Jahre 2010 bis 2012 fortgeschrieben, schreibt die Bundesregierung. Der neue Aktionsplan wird im Rahmen des 3. Kongresses für Patientensicherheit bei medikamentöser Therapie (19./20. Juni in Berlin) der Öffentlichkeit vorgestellt.

Auch beim Alkoholkonsum älterer Menschen sieht die Bundesregierung Risiken: Zwar nehme in höheren Altersgruppen der Missbrauch und die Abhängigkeit von Alkohol kontinuierlich ab. Dennoch müsse davon ausgegangen werden, dass ca. 18 Prozent der über 70-Jährigen Alkohol riskant konsumierten und Alkohol vier Mal oder häufiger pro Woche tränken und mehr als fünf alkoholische Getränke pro Trinkgelegenheit konsumierten. "Vor dem Hintergrund der steigenden Lebenserwartung und der veränderten Konsumgewohnheiten der Nachkriegsgenerationen ist ein Anstieg der Prävalenz riskanter Gebrauchsmuster von Alkohol und alkoholbezogener Störungen zu erwarten", befürchtet die Bundesregierung. Daher habe das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) im März 2010 einen neuen Förderschwerpunkt "Sucht im Alter – Sensibilisierung und Qualifizierung von Fachkräften in der Alten- und Suchthilfe" ausgeschrieben.

Den bestimmungsgemäßen Gebrauch von Medikamenten vom Missbrauch zu unterscheiden, sei schwierig – auch für die Betroffenen. Vier bis fünf Prozent aller verordneten Arzneimittel besäßen ein eigenes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial, darunter vor allem die Schlaf- und Beruhigungsmittel mit Wirkstoffen aus der Familie der Benzodiazepine und der Benzodiazepinrezeptoragonisten. Zu beachten seien auch die Analgetikakombinationen mit Koffein und Codein, die ein eigenes Missbrauchspotenzial aufwiesen. Der Abhängigkeit von Medikamenten liege ein komplexes, individuelle wie soziale Faktoren umfassendes Ursachengeflecht zugrunde.

Auch wenn eine Medikamentenabhängigkeit im Alltag häufig unauffällig verlaufe, stelle gerade die am häufigsten vorkommende Benzodiazepinabhängigkeit ein erhebliches Risiko für ein gesundes Altern dar. Zusätzlich sei ein Entzug bei bestehender Abhängigkeit für die Betroffenen sehr schwierig und langwierig.


Lothar Klein