Kommentar

„Heilung unerwünscht!“ - alles Zufall oder nur Profitgier?

Stuttgart - 22.10.2009, 14:05 Uhr


Eine preiswerte, nebenwirkungsfreie Vitamin-B12-haltige Salbe, die den vielen unter Neurodermitis oder Psoriasis leidenden Patienten helfen könnte, auf die verteufelten Cortisoncremes zu verzichten - die böse Pharmaindustrie

Als Apotheker reibt man sich da erst einmal die Augen. Eine Rezeptur aus Avocadoöl und Vitamin B12 sollte sich doch einfach herstellen lassen. Im Film werden Patienten gezeigt, die von der Wirkung überzeugt waren. Und dann wurden Ärzte gezeigt, die die Behandlung leider nicht fortsetzen konnten, weil die Patentinhaber keine weiteren Proben zur Verfügung stellen konnten. Nun kennt sicher jeder Dermatologe die Möglichkeit, eine Rezeptur in der Apotheke anfertigen zu lassen. Immerhin wurden ja wohl schon im Jahre 2001 und 2004 Studien mit dieser Salbe in den Zeitschriften British Journal of Dermatology und Dermatology veröffentlicht, denen man zumindest die Konzentration von Vitamin B12 hätte entnehmen können. Ein Apotheker hätte dann sicher weiterhelfen können. Inzwischen ist die Rezeptur bekannt (s.u.).

Apropos Studien: das hochgepriesene „Medikament“  soll auch in klinischen Studien getestet worden sein. Bei der Suche stößt man immer nur auf die beiden angesprochenen Publikationen:

An der in der Zeitschrift Dermatology im Jahr 2001 veröffentlichten Untersuchung nahmen 13 Patienten mit chronischer Plaquepsoriasis teil. Es handelte sich um eine randomisierte Studie, in der im intraindividuellen Rechts-Links-Vergleich an den Armen die Vitamin-B12-Avocadoöl-Salbe gegen eine Calcipotriol-Salbe über zwölf Wochen getestet worden ist. Das Ergebnis: Die Calcipotriol-Salbe war nach vier Wochen am wirksamsten, dann ließ die Wirkung nach. Mit der Vitamin-B12-Salbe wurden über den gesamten Zeitraum zufrieden stellende Ergebnisse erzielt. Die Autoren schlussfolgern, dass die Vitamin-B12-Salbe eine gut verträgliche Therapie ist, die für die Langzeittherapie geeignet sein könnte.

An der im British Journal of Dermatology publizierten randomisierten und placebokontrollierten Untersuchung nahmen 49 Neurodermitis-Patienten teil. Über einen Zeitraum von 8 Wochen trug jeder Patient morgens und abends auf eine Armseite die Placebo-Salbe, auf die andere die Vitamin-B12-haltige Salbe auf. Die Patienten bewerteten die Vitamin-B12-Salbe deutlich besser.

Die Ergebnisse sind zwar vielversprechend, aber es gibt nur ein mageres Fundament an Daten. Und auch der Erstautor beider Studien, der  Dermatologe Dr. Markus Stücker von der Ruhr-Universität Bochum, sieht, wie auf den Online-Seiten der Süddeutschen Zeitung zu lesen ist, weiteren Forschungsbedarf. Die Bewertung sei noch nicht abgeschlossen, die Sicherheit sei noch nicht da und man habe bislang viele Medikamente gesehen, die das nicht halten konnten, was sie versprochen haben. Aus dem Umstand, dass die Vitamin-B-Salbe noch nicht im Markt ist, einen Betrug am Patienten zu konstruieren, hält Stücker für verfehlt.

Das klingt deutlich weniger reißerisch als in dem ARD-Beitrag von Klaus Martens. Die Studien reichen keinesfalls aus, um die Rezeptur als Arzneimittel zuzulassen. Wenn von einer Zulassung des Medikaments gesprochen wird, dann ist das irreführend. Gemeint ist die Registrierung als Medizinprodukt der Klasse II a (mäßiger Invasivitätsgrad, kurzzeitige Anwendung am Körper) in Deutschland und der Schweiz.

Im Windschatten der ganzen Aufregung um das „patientenverachtende“ Verhalten der Pharmaindustrie ist allerdings jetzt zu erfahren, dass das Schweizer Unternehmen Mavena Health Care schon Mitte November die Vitamin-B12-Salbe unter dem Namen Regividerm® auf den Markt bringen wird. Passend dazu bietet eine Agentur "just in time" neben einem Interviewtermin mit dem Geschäftsführer  die ARD-Sendung auf CD an.  PR-Unterlagen zur neuen Salbe können ebenso geordert werden wie ein Muster der Salbe. Die Salbe selber wird in der Apotheke für rund 30 Euro pro 100 g erhältlich sein. Ein stolzer Preis. Eine adäquate Rezeptur in der Apotheke würde unter 20 Euro pro 100 g kosten. Und selbst der Autor Klaus Martens scheint von der Aufregung um die „unerwünschte Heilung“ profitieren zu wollen. Mit dem Film ist auch ein Buch des Autors mit einem gleichnamigen Titel erschienen. Alles Zufall oder doch Profitgier?

Die Rezeptur:

- 0,07 g Vitamin B12
- 46 g Avocado-Öl
- 45,42 g Wasser
- 8 g Tegocare PS
- 0,26 g Kaliumsorbat
- 0,25 g Zitronensäure

Quelle
Stücker M et al: Vitamin B(12) cream containing avocado oil in the therapy of plaque psoriasis. Dermatology 2001;203(2):141-7
Stücker M et al: Topical vitamin B12 – a new therapeutic approach in atopic dermatitis-evaluation of efficacy and tolerability in a randomized placebo-controlled multicentre clinical trial. Br J Dermatol 2004; 150 977-983

Weitere Informationen zur Rezeptur finden Sie auch beim NRF (Neues Rezeptur Formularium). wenn Sie hier klicken.  


Dr. Doris Uhl


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