Aus den Ländern

Pflanzen der Bibel

Vom Baum der Erkenntnis bis zum Mannabrot

„Ein botanischer Streifzug durch die Bibel“ war das Thema einer Sonderausstellung des Botanischen Gartens der Universität Düsseldorf. Am 29. September führte Prof. em. Dr. Günter Willuhn, Düsseldorf, eine Gruppe von Pharmaziehistorikern sowohl durch die Pflanzenschau als auch durchs Alte und Neue Testament, wobei er buchstäblich mit Adam und Eva begann.

Die Bibel nennt 110 von 1600 in Israel vorkommenden Pflanzenarten, doch sind nicht alle genannten Pflanzen eindeutig identifiziert. Der israelische Botaniker Michael Zohary (1898–1983) hat darauf hingewiesen, dass kaum ein anderes Volk so viele Pflanzen in sein religiöses Leben einbezogen hat wie die Hebräer.

Baum der Erkenntnis, Feige, Myrte

Das erste in der Bibel erwähnte Gewächs ist der Baum der Erkenntnis im Garten Eden, dessen Früchte für Adam und Eva verboten sind (1. Mose 2,16–17). Wie selbstverständlich denkt jeder in unserem Kulturkreis an einen Apfelbaum (Malus domestica); dies hängt aber mit einem Wortspiel zusammen (lat. malum = das Böse). Dagegen kommt der Apfel in der Bibel nicht vor, weil er im Heiligen Land nicht heimisch ist, und kann also auch nicht die Frucht vom Baum der Erkenntnis sein. Nur ein „falscher Apfel“, der Granatapfel (Punica granatum), wird in der Bibel häufig genannt.

Die zweite in der Bibel erwähnte Pflanze ist der Feigenbaum (Ficus carica). Mit seinen Blättern sollen Adam und Eva nach dem Sündenfall ihre Blößen bedeckt haben (1. Mose 3,7).

Sündenfall (mit Apfelbaum und Feigenblättern) und Vertreibung aus dem Paradies. Illustrierter Holzschnitt aus: Schedelsche Weltchronik, Nürnberg 1493.

Beim Verlassen des Paradieses soll Adam als Andenken einen Myrtenzweig mitgenommen haben – so eine arabische Legende. Seit biblischen Zeiten gehört die Myrte (Myrtus communis) zu den unverzichtbaren Pflanzen des Laubhüttenfestes (s.u.). In vielen Kulturen gilt die Myrte als Sinnbild der Jugend und Reinheit, der Schönheit und der Liebe. Bei den Römern erhielt derjenige einen Myrtenkranz – statt einem Lorbeerkranz –, der unblutig einen Sieg errungen hatte. Ab dem 16. Jahrhundert wurde der Myrtenkranz zum Brautkranz.

„Rizinus“ und „Brennender Busch“

Unklarheiten ranken sich um das Gewächs, das dem Propheten Jona Schatten gespendet hat: „Er baute sich eine Hütte und setzte sich in ihren Schatten, […] da befahl Gott, der Herr, einer Rizinuspflanze, schnell emporzuwachsen, dass sie Jonas Kopf beschattete.“ (Jona 4,6–7). Die Blätter der bis zu 4 m hohen Rizinus-„Staude“ (Ricinus communis), die bei uns einjährig kultiviert wird, aber in den Subtropen ein gut 12 m hoch werdender Baum ist, wachsen sehr schnell – wohl deshalb heißt sie auch Wunderbaum. In alten biblischen Übersetzungen wird die schattenspendende Pflanze als Kürbis, Koloquinte oder Efeu bezeichnet.

Rätselhaft ist der „Brennende Busch“, in dem Gott sich Mose offenbart hat. Der Diptam (Dictamus albus), der bei intensivem Sonnenschein viel ätherisches Öl verdunstet, das sich leicht entzünden kann, kommt nicht infrage, weil er in den Ländern der Bibel nicht vorkommt. Denkbar sind ein Sennesstrauch, der intensiv goldgelb wie Feuer blüht, oder ein Mistelgewächs mit feuerroten Früchten.

Das Brot des Täufers Johannes

Der Johannisbrot- oder Karobenbaum (Ceratonia siliqua) soll mit seinen Früchten Johannes den Täufer in der Wüste ernährt haben. Bei Matthäus heißt es allerdings, dass Heuschrecken und wilder Honig seine Speise gewesen seien (Matthäus 3,4); dies kann – so Zohary – ein Übersetzungs- und Deutungsfehler sein, da im Hebräischen die Wörter für Johannisbrotbaum und Heuschrecke sehr ähnlich sind.

In biblischen Zeiten waren die Früchte des in Israel heimischen Johannisbrotbaumes eher eine Armenspeise und wurden auch als Schweinefutter gebraucht, so zu lesen in der Geschichte vom verlorenen Sohn: „Gerne hätte er sich wenigstens satt gegessen an den Schoten [richtig: Hülsen] (des Johannisbrotbaumes), welche die Schweine fraßen, aber niemand gab sie ihm.“ (Lukas 15,16). Erstaunlich ist, dass der mittelgroße, immergrüne Baum im Alten Testament nicht erwähnt wird. Heute sind seine Früchte, die bis zu 50% Zucker enthalten, eine Delikatesse. Das Karobenmehl wird auch in pharmazeutischen und diätetischen Präparaten verwendet, z.B. in Augengelen und in appetitzügelnden Mitteln.

Räucherdrogen

Besonderes Augenmerk richtete Willuhn auf die Räucherdrogen Myrrhe und Weihrauch, die u.a. zur Feier des Laubhüttenfestes benötigt werden und zu den Geschenken zählen, die die „Weisen aus dem Morgenland“ dem Jesuskind überreichten (Matthäus 2,10–11). Myrrhe wird seit jeher von mehreren Commiphora-Arten gewonnen, die in Nordostafrika und Arabien verbreitet sind (vor allem C. abyssinica); mit dem balsamisch duftenden Harz machten Händler gute Geschäfte (Offenbarung 18,13).

Weihrauch (Olibanum) wird vor allem von einem Strauch oder kleinen Baum in Südarabien und Ostafrika (Boswellia sacra) gesammelt, dessen angeritzter Stamm ein zähflüssiges Gummiharz absondert, das an der Luft schnell erstarrt; es enthält ätherische Öle, die beim Verbrennen einen angenehmen Duft verbreiten. In der Bibel gehört Weihrauch zu den Schätzen des Tempels (Nehemia 13,5). Ferner steht in der Bibel ein Rezept für ein Räuchermittel: „Nimm dir Spezereien: wohlriechendes Harz, Räucherklaue, Galbanum und reinen Weihrauch, zu gleichen Teilen, und mache ein Räucherwerk daraus, ein Würzgemisch, wie es der Salbenmischer bereitet, gesalzen und rein, für den heiligen Gebrauch.“ (2. Mose 30,34–35).

Salböl, Manna, Laubhüttenfest

Zur Abrundung des Programms referierte Prof. Dr. Frank Leimkugel, Mülheim/Ruhr, über weitere Themen. Salbungen gehörten im alten Israel zur Körperpflege hochgestellter Persönlichkeiten. So bedeutet Messias (hebr. „Maschiach“) der Gesalbte. In der Rezeptur des Salböls ist die Myrrhe das wichtigste Ingredienz. Myrrhe wurde Jesus nicht nur bei seiner Geburt dargebracht, sondern ihm auch bei seiner Kreuzigung, in Wein gelöst, gereicht (Markus 15,22–24) und in sein Leichentuch eingebracht (Johannes 19,39–40). Zudem diente Myrrhe als Heilmittel (Psalm 45,9). Weitere Ingredienzien des biblischen Salböls sind Aloe (von Aloe vera u.a.) und Spiköl (von Lavandula spica oder L. latifolia), das reich an Campher ist.

Das Manna, das „Brot vom Himmel“ in der Wüste, ist noch immer rätselhaft. Die Mönche des Katharinenklosters auf dem Berg Sinai brachten es in Zusammenhang mit den Tamarisken (Tamarix nilotica), die dort in den Wadis wachsen. Die obsolete Arzneidroge Manna (z.B. im DAB 1) stammt hingegen von der Blumenesche (Fraxinus ornus), die nicht in der Wüste wächst. Der an der Hebräischen Universität tätige Otto Warburg (1859–1938) unternahm 1927 eine Sinai-Expedition, um die Identität des biblischen Manna zu klären – ohne überzeugenden Erfolg.

Zum Laubhüttenfest (Sukkot), einer Art Erntedankfest, schreibt die Bibel: „Und ihr sollt am ersten Tag Früchte von schönen Bäumen, Palmzweige und Äste […] holen und sieben Tage fröhlich sein vor dem Herrn, eurem Gott.“ (3. Mose 23,40, ebenso bei Nehemia 8,15). Bei den „schönen Bäumen“ handelt es sich wohl um die Zedratzitrone Citrus medica. Zur Vorbereitung und Ausführung des Festes ist auch die Anfertigung von Salbölen nötig (s.o.). Mit einem kurzen Film, der die Rituale des Laubhüttenfestes und speziell die Behandlung der Zedratzitronen in humoristischer Weise darstellt, rundete Leimkugel seinen Vortrag ab. 

Literatur

Michael Zohary: Pflanzen der Bibel. 3. Aufl. Stuttgart 1995.

Klaus Dobat, Christa Habrich, Michael Kowalski: Pflanzen der Bibel. Deutsches Medizinhistorisches Museum. Ingolstadt 2005.

 

Erika Eikermann, Köln

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