Vertigo

Aus dem Gleichgewicht: Schwindel

Schwindel sicher diagnostizieren und behandeln

Von Klaus Jahn

Schwindel (Vertigo) gehört zu den häufigsten Beschwerden, mit denen sich Patienten beim Arzt vorstellen. Vielen Patienten fällt es schwer, ihre Beschwerden anschaulich zu beschreiben, aber durch wenige gezielte Fragen zur Krankengeschichte und durch einfache klinische Tests kann der Arzt die Schwindelursachen sicher diagnostizieren. Die Therapie ist in den meisten Fällen medikamentös oder physikalisch. Bei der Pharmakotherapie ist zu beachten, dass es keine "Schwindeltablette" gibt, die unspezifisch eingesetzt werden kann, sondern dass jede der gut definierten Erkrankungen gezielt behandelt werden muss.

Die Krankengeschichte ist die Basis der Schwindeldiagnostik. Wichtige Unterscheidungskriterien der verschiedenen Schwindelsyndrome, die auch die Grundlage der klinischen Klassifikation bilden, sind

  • Art des Schwindels: Drehschwindel wie Karussellfahren oder Walzertanzen (z. B. Neuritis vestibularis) oder Schwankschwindel wie Bootfahren (z. B. Bilaterale Vestibulopathie) oder Benommenheitsschwindel (z. B. Phobischer Schwankschwindel oder Medikamentenintoxikation).
  • Dauer des Schwindels: Schwindelattacke über Sekunden bis Minuten (Vestibularisparoxysmie), über Stunden (z. B. Morbus Menière, Vestibuläre Migräne), Dauerschwindel über viele Tage bis wenige Wochen (z. B. Neuritis vestibularis), Schwankschwindelattacke von Minuten bis Stunden (z. B. Hirnstamm-TIA), Schwankschwindel über Jahre (z. B. Phobischer Schwankschwindel oder Bilaterale Vestibulopathie). Wichtig: Handelt es sich um Attacken, so gilt es, die minimale und maximale Dauer sowie die Häufigkeit herauszuarbeiten.
  • Die Auslösbarkeit/Verstärkung des Schwindels: Bereits in Ruhe (z. B. Neuritis vestibularis), beim Gehen (z. B. Bilaterale Vestibulopathie), bei Kopfdrehung (z. B. Vestibularisparoxysmie), Kopflageänderung relativ zur Schwerkraft (z. B. BPPV), ferner Husten, Pressen, Niesen oder – als Tullio-Phänomen – laute Töne bestimmter Frequenz (z. B. Perilymphfistel) oder in bestimmten Situationen (z. B. Phobischer Schwankschwindel).

Fragen zu Begleitsymptomen

Die weiteren Fragen sollten auf mögliche Begleitsymptome zielen:

  • Kombination mit Hörstörung oder Ohrgeräuschen: Morbus Menière, Perilymphfistel, Vestibularisparoxysmie, Zoster oticus, Innenohr- oder Hirnstamminfarkt, Innenohrfehlbildungen, Kleinhirnbrückenwinkeltumor, Hirnstamm-MS-Plaque, Cholesteatom, nach Ohr-/Kopftrauma (Contusio labyrinthi).
  • Schwindel mit zusätzlichen neurologischen Symptomen: Blutungen (z. B. Kavernom), Entzündungen (z. B. MS), kraniozervikale Übergangsanomalien (z. B. Arnold-Chiari-Fehlbildung), lakunäre oder Territorialinfarkte, Schädel-Hirn-Trauma, Tumoren im Kleinhirnbrückenwinkel, Hirnstamm oder Kleinhirn, Vestibuläre Migräne.
  • Wahrnehmung von Scheinbewegungen der Umwelt (Oszillopsien): Ohne Kopfbewegungen bei spontanen unwillkürlichen Augenbewegungen (Spontannystagmus) zentralen oder peripheren Ursprungs (z. B. Downbeat-Nystagmus, spontaner vestibulärer Nystagmus). Bei Kopfbewegungen bei Störungen des Auge-Kopf-Reflexes (z. B. bei Bilateraler Vestibulopathie) oder bei Änderungen der Lage zur Schwerkraft (z. B. gutartiger Lagerungsschwindel).
  • Schwindel mit Kopfschmerz: Vestibuläre Migräne, Hirnstamm-/Kleinhirnischämie, infratentorielle Blutung, infratentorieller Tumor, Schädeltrauma (Felsenbeinquerfraktur), vertebro-basiläre Dissektion.

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