Sie sind hier: Tagesnews-Wirtschaft > News

Wirtschaft

Retaxationen der Kassen

Jetzt reicht’s – das Maß ist voll

Stuttgart - Die von der BIG direkt gesund angekündigte Retaxation von fünf T-Rezepten über einen Wert von 35.000 Euro brachte das Fass zum Überlaufen. Der betroffene Apotheker ist bereit, zusammen mit dem Landesapothekerverband Baden-Württemberg (LAV) vor Gericht zu ziehen, um diesen und andere Fälle klären zu lassen.

Der Fall des baden-württembergischen Apothekers Joachim Gädeke, Uhlberg-Apotheke in Filderstadt, sorgte für Aufsehen: Er hatte eine Retaxation von der "Big direkt gesund"-Krankenkasse erhalten, weil der Arzt auf fünf T-Rezepten, auf denen das Präparat Revlimid verordnet war, handschriftlich ein Kreuz aufgetragen und dies nicht gegenzeichnet hatte . Der Apotheker ist sich nicht bewusst, einen Fehler bei der Belieferung der Rezepte begangen zu haben. Er wandte sich daher umgehend an den LAV und die Presse: „Das ist ein unhaltbarer Vorwurf, wir werden uns das nicht gefallen lassen“, so Gädeke.

Ina Hofferberth, Geschäftsführerin des LAV, macht deutlich: Nirgendwo ist verankert, dass ein Kreuz auf dem Rezept maschinell aufgebracht werden muss und nicht handschriftlich ausgeführt werden darf. Retaxationen der Kassen in diesen Fällen suggerieren den Vorwurf der Rezeptfälschung (nachträglich aufgebrachtes Kreuz). Das wolle man sich nicht mehr gefallen lassen. Man habe daher Einspruch eingelegt und wolle dies wenn nötig durch höchste Gerichte klären lassen.

Besonders häufig nehmen dabei folgende Kassen und ihre Dienstleister (z. B. Protax)  Retaxationen vor: Novitas BKK, BKK vor Ort, BKK Hoesch, BIG direkt gesund, BKK Gesundheit West, BKK Gildemeister.

Gädeke schaltete auch die Politik ein. Er wandte sich mit einer Petition an den Bundestagsabgeordneten Michael Hennrich (CDU) und trug ihm sein Anliegen vor. Hennrich griff  das Gesuch auf und bat die Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbands, Dr. Doris Pfeiffer, zur Abrechnungspraxis solcher Kassen Stellung zu nehmen. 

Um zukünftige Retaxationen und Streitereien mit den Kassen zu vermeiden, müssten vertragliche Leitplanken eingezogen werden. Hofferbert denkt dabei an eindeutige Regelungen in den Lieferverträgen zwischen Kassen und LAV. Ziel für den Verband ist es, Retaxationen auf Null gänzlich auszuschließen.

Lesen Sie hierzu auch:

Big direkt retaxiert 35.000 Euro

 

Peter Ditzel / 10.11.2011, 15:11 Uhr

Kommentare:

Apotheker B sagt:
13.11.2011 23:10

Tja,....ich meine das ist Kalkül. Das auf einmal verquere gedungene Abrechnungsknechte und das von ihnen angegeiferte Geld für uns wichtig werden.
Man sollte sich das verinnerlichen; die sind nicht wichtig, die tun nur so!
Und das sollten sie auch zu spüren kriegen.
Vielleicht in Form von Retaxmali.

Apatsche sagt:
12.11.2011 17:48

@ApothekerB: Ja, das mit dem Verband ist wahr; die Liefer-Verträge sind in den meisten Punkten Knebelverträge. Ich frage mich nur, können die Apothekerverbände nicht anders (Kassen-Marktmacht) oder wollen die Verbände nicht (Konfliktscheu)?

In jedem Fall versuche ich (da ich für die Retaxationsbekämpfung in unserer Apotheke zuständig bin), möglichst viele Widersprüche einzulegen. Dem Abrechnungszentrum Interforum habe ich mal sosehr zugesetzt, dass fast ein Dreiviertel-Jahr lang garnix von denen kam. Erst jetzt trauen die sich wieder ein wenig, und nur mit Retaxationen, die quasi unanfechtbar sind, zumindest ohne Gerichtsverfahren.

Sich zu wehren lohnt sich; es ist zu Beginn am Schwierigsten, nach einer Weile kennt man die Paragraphen in den Verträgen und Gesetzen mehr...

Apotheker B sagt:
11.11.2011 22:09

@Apatsche: Ja, das ist völlig richtig und die Handhabung mit Retaxationen in Kliniken ist mir auch bekannt.
Was man nur Braucht ist ein gescheiter Anwalt, der die entstandenen Aufwendungen, die durch die Versuche nicht gerechtfertigte "Leistungserschleichung" entstanden sind, auch so richtig schmerzhaft (für die kranken Kassen) geltend macht.

Und.
Wenn man sich in solchen Fällen auf den Verband verlässt, kann man davon ausgehen, das sich dann dort diejenigen gegenüber sitzen, die uns die ganze Misere eingebrockt haben.

Wir müssen schon selbst ran.
Es ist traurig, aber wahr.
Und der Countdown läuft.

Elisabeth Jedamzik sagt:
11.11.2011 14:49

@iPille:
Völlig richtig. Für jede Falschretax oder Willkürretax empfindliches Bußgeld für den Verwaltungsaufwand des zu Unrecht geschädigten.
Dann würden die sich jeden Kommafehler zweimal überlegen.

pilzejosef99 sagt:
11.11.2011 10:17

es wird endlich zeit, dass gegen diese retax-hampelmänner der krankenkassen vorgegangen wird. es ist ein unerträglicher zustand, dass wir apotheken für einen völlig irrelevanten formfehler auf null retaxiert werden können. die rezepte werden nicht von uns ausgestellt und wir bemühen uns redlich den kv-versicherten bestmöglich zu versorgen.

Dieter Drinhaus sagt:
10.11.2011 21:56

" Um zukünftige Retaxationen und Streitereien mit den Kassen zu vermeiden, müssten vertragliche Leitplanken eingezogen werden. Hofferbert denkt dabei an eindeutige Regelungen in den Lieferverträgen zwischen Kassen und LAV. Ziel für den Verband ist es, Retaxationen auf Null gänzlich auszuschließen."

Begrüßenswert, dass diese Forderung die die Apothekenbasis schon seit Jahren erhebt, nun auch offiziell als Ziel formuliert wird. Dazu ist allerdings eine gründliche juristisch wasserdichte Überarbeitung aller Versorgungsverträge nötig. Hoffen wir, dass es bald in Angriff genommen wird und das hierbei auch die Erfahrungen der Apothekenbasis berücksichtigt werden.

Apatsche sagt:
10.11.2011 19:56

@iPille: Die Idee ist richtig gut, und Kliniken, die fälschlicherweise retaxiert wurden, erhalten eine Kompensation. Dies ist gerechtfertigt, denn die Inkompetenz eines angeheuerten Retaxierungs-Schergen verursacht in der Klinik Kosten; ein Mitarbeiter dort, wahrscheinlich ein Jurist, rekonstruiert den Abrechnungsfall und befragt hierzu Ärzte, die währenddessen nicht ihre eigentliche Aufgabe tun können: Patienten heilen. Auch bei uns in der Apotheke muss eine Menge Zeit vertan werden, um die kläglichen Stümpereien dieser Protaxierer zu bekämpfen.

iPille sagt:
10.11.2011 18:17

Warum ist eigtl. das Retaxieren für die GKV respektive deren Dienstleistern völlig risikofrei?

Hier sollte dringend angesetzt werden. Wenn sich die Sache hinterher als haltlos herausstellt, muss dem Retaxierer ein spürbarer Malus widerfahren, zumindestens in Form einer Pauschale für den Aufwand den die Apotheke hat.

Im Falle einer korrekten Retaxation bekommt es die Apotheke ja auch zu spüren.

Dies würde erheblich zu einer Beruhigung des Szenerie beitragen.

Servus iPille

Apatsche sagt:
10.11.2011 16:13

Die Protax-Abzocke könnte für die Kassen insgesamt ein böses Erwachen zur Folge haben. Immer mehr Apotheken sind nicht mehr bereit, willkürliche Retaxationen einfach abzuhaken; es könnte sein, dass immer mehr fragwürdige Retax-Abschläge von Gerichten überprüft werden. Die stümperhaften Begründungen so mancher Abrechnungszentren wären sehr wahrscheinlich in den Augen so mancher Richter dann ein kläglicher Versuch der Leistungserschleichung.

Und gut ist, dass die vertragsaushandelnden Apothekerverbände den Fehdehandschuh nun endlich mal aufheben. Zu hoffen bleibt, dass sich dies auch in den künftigen Arzneimittel- und Hilfsmittel-Lieferverträgen niederschlagen wird, die bislang wie Knebelverträge erscheinen.

Kommentar abgeben:

Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz

 

 

Sie können die News auch als RSS-Feed abonnieren:

RSS-Feed Tagesnews Alle

RSS-Feed Tagesnews Wirtschaft

 

Hier finden Sie weitere Informationen zum RSS-Feed der DAZ.online.