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Prof. Henning Blume: Die Leitlinie zur Guten Substitutionspraxis wird überarbeitet. (Foto: Sket)

Prof. Henning Blume: Die Leitlinie zur Guten Substitutionspraxis wird überarbeitet. (Foto: Sket)

Kritischer Arzneimittelaustausch

Kassen und DAV sind gefordert

Berlin - Nicht jedes wirkstoffgleiche Arzneimittel kann bedenkenlos durch ein anderes substituiert werden. Patienten mit einer kritischen Indikation, die gut auf ein bestimmtes Präparat eingestellt sind, sollten nicht ohne Not umgestellt werden. Das hat mittlerweile auch der Gesetzgeber erkannt – und den Vertragspartnern des Rahmenvertrag nach § 129 SGB V die Möglichkeit eingeräumt, Ausnahmen von der generellen Substitutionspflicht zu bestimmen. Die Deutsche Schmerzliga und die Deutsche Epilepsievereinigung appellieren nun an DAV und GKV-Spitzenverband, möglichst rasch eine Regelung zu finden.

Vor elf Jahren hat der Gesetzgeber die Aut-idem-Regelung eingeführt. Seitdem müssen Apotheken ein preisgünstiges Arzneimittel abgeben, wenn sie eine ärztliche Verordnung bedienen, in der der Austausch nicht ausdrücklich ausgeschlossen wird. Mit der Scharfstellung der Rabattverträge im Jahr 2007 wurden die Apotheken in ihren Wahlmöglichkeiten allerdings deutlich eingeschränkt: Rabattvertrag hat Vorrang lautet seitdem die Devise.

Der Wechsel von einem wirkstoffgleichen Arzneimittel zum anderen kann jedoch für bestimmte Patienten gefährlich werden und den Behandlungserfolg zunichtemachen. So gibt Arzneiformen, die eine höchst unterschiedliche Wirkdauer und -intensität aufweisen – trotz gleichem Wirkstoff und gleicher Erscheinung. Was bei einer akuten Behandlung kein Problem sein mag, kann für Chroniker, die – oft nach langem Ausprobieren – gut auf „ihr“ Arzneimittel eingestellt sind, verheerend sein. Die Deutsche Schmerzliga und die Deutsche Epilepsievereinigung kämpfen daher dafür, für ihre Patienten Ausnahmen zu schaffen. 500.000 Epilepsie-Patienten und 600.000 Menschen mit schwersten chronischen Schmerzen seien betroffen.

Dabei haben sie auch den Pharmazeuten Professor Dr. Henning Blume hinter sich stehen. Er sieht die Substitutionsregelungen seit Anbeginn kritisch. Schon 2002 hat die Deutsche Pharmazeutische Gesellschaft (DPhG) – mit ihm als Mitverfasser – die Leitlinie „Gute Substitutionspraxis“ (GSP) vorgelegt, die dazu beitragen sollte, die Arzneimittelsicherheit bei der Aut-idem-Substitution nicht zu gefährden und Patienteninteressen zu wahren. In der Leitlinie finden sich Arzneimittelgruppen und Darreichungsformen bei denen die Substitution kritisch sein kann. Derzeit werde diese in die Jahre gekommene Leitlinie überarbeitet, erklärte Blume.

Grundsätzlich haben Ärzte schon jetzt die Möglichkeit, einen Austausch auszuschließen – sie müssen nur das Aut-idem-Kreuz machen. Auch Apotheken können sich der Substitution entgegenstellen, wenn sie „pharmazeutische Bedenken“ haben und diese geltend machen. Doch aus Furcht vor Regress und Retaxation schrecken Ärzte wie Apotheker hiervor häufig zurück. Und so hat der Gesetzgeber im letzten Herbst mit der 16. AMG-Novelle eine Regelung eingeführt, nach der im Rahmenvertrag zwischen DAV und GKV-Spitzenverband vereinbart werden kann, in welchen Fällen Arzneimittel nicht nach den grundsätzlichen Vorgaben der Aut-idem-Substitution zu ersetzen sind.

Für den Präsidenten der Schmerzliga, Dr. Michael Überall, ist der Gesetzgeber damit nicht weit genug gegangen. Es handele sich nur um eine „Kann-Vorschrift“, die überdies den Schwarzen Peter, nämlich die Definition der Ausnahmen, an Krankenkassen und Apotheker weiter reiche. Der Vorsitzende der Deutschen Epilepsievereinigung, Norbert van Kampen, forderte GKV-Spitzenverband und DAV auf, eine einfache und rechtlich eindeutige Regelung zu schaffen, um Ärzten und Apothekern die Furcht vor Wirtschaftlichkeitsprüfungen und Regressen zu nehmen. Blume mahnte an, dabei die Bedürfnisse der Patienten berücksichtigen und bei den Beratungen externe Experten einzubeziehen. Er spricht sich auch dafür aus, besonders kritische Arzneimittelgruppen (z.B. Schilddrüsenhormone) und Indikationen (z. B. Epilepsie und chronische Schmerzen) gänzlich von der Substitutionspflicht auszunehmen. Sie beträfen eben nicht nur Einzelfälle, sondern alle Patienten. „In der Verantwortung für den Patienten muss Kompetenzgerangel hinten an stehen!“, forderte Blume.

Die Erwartungen an die Vertragspartner sind also groß. Wann eine Lösung präsentiert wird, ist noch offen. Ende Januar war bereits zu vernehmen, man sei auf einem guten Weg zueinander. Es hieß, die GSP der DPhG könne eine gute Grundlage für die Vertragsanpassung sein – jedenfalls in einer überarbeiteten Form. Derzeit ist nicht mehr zu erfahren, als dass DAV- und GKV-Vertreter weiterhin miteinander im Gespräch sind.

Kirsten Sucker-Sket / 05.03.2013, 15:01 Uhr

Kommentare:

miwin sagt:
06.03.2013 13:14

Netter Artikel, aber was genau erwartet man nun von uns ? Passiven Ungehorsam ? Liebe Worte an die KRKs ?

Die Schmerzliga soll doch ehrlicherweise die KRKs als derzeit einzige Dominanzstelle über die Arzneimittel darstellen, wenn sie sich traut. Die haben das Sagen, in zweiter Reihe die Ärzte und ganz am Ende - noch nicht mal wir Apotheker !

Christoph S sagt:
06.03.2013 07:39

Ich sage nur "Geiz ist [leider] Geil"

tacitus sagt:
05.03.2013 19:08

Wenns billig ist, ist auch für die Kasse gut. Alles andere ist doch blödes Geschwätz um die Menschen für dumm zu verkaufen. Wenn fachliche Erwägungen irdgendeinen Stellenwert gehabt hätten, hätte man einige Gruppen ausgenommen. Punkt.
Warum man es nicht gemacht hat, siehe vorigen Beitrag, dem Rest der Politiker und Bürokraten ist es egal oder diese wissen gar nicht worum es geht, wäre ja sowieso alles nur Lobbygeschwätz. Wenn der verordnende Arzt kein Problem mit Aut idem hat, haben wir es auch nicht, alles andere wäre auch fachlich und juristisch lächerlich. Jeder Kassenfunktionär kann hämisch anführen, " der Hausarzt hat keine Bedenken, aber sie ?"
Die amerikanische Gesundheitsbehörde gibt ja auch zu, daß es tausenden Tote durch den völlig freien Zugang zu Medikamenten mehr...

Michael Zeimke sagt:
05.03.2013 16:26

Muß es 11 Jahre dauern bis eine Selbstverständlichkeit bei den Politikern
ankommt?
Billig ist selten gut.Siehe Futtermais aus Serbien.
Aber der Kommunistin Ulla waren die Menschen schon immer egal.So ist es im Kommunismus.Empfehle jedem die Biographie
von Marx.Von diesem Hat sich die SPD erst im Godesberger-Programm verabschiedet.Aber nicht innerlich!

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