Pharmazie

Paracetamol zu gefährlich für die Selbstmedikation? Die Daten der Giftnotrufzentralen werden unterschiedlich interpretiert (Foto: DAZ/Sket)

Paracetamol zu gefährlich für die Selbstmedikation? Die Daten der Giftnotrufzentralen werden unterschiedlich interpretiert (Foto: DAZ/Sket)

Paracetamol-Diskussion

Giftnotruf Erfurt fordert Rezeptpflicht für Paracetamol

Im Vorfeld der Sitzung des Sachverständigenausschusses für Verschreibungspflicht Anfang 2012 suchen sowohl Befürworter als auch Gegner einer Paracetamol-Rezeptpflicht verstärkt die Öffentlichkeit. In den Weihnachtstagen sorgte Dr. Helmut Hentschel, Leiter des Giftnotrufs Erfurt, für Aufsehen. Die Beschränkung der Packungsgröße habe nichts gebracht, über die Unterstellung unter die Rezeptpflicht müsse dringend nachgedacht werden, so seine Forderung.

In der von dpa verbreiteten Meldung erklärte Hentschel, dass es trotz der seit 2009 geltenden Begrenzung der maximalen OTC-Abgabemenge von 10 g Paracetamol nahezu unverändert häufig zu Vergiftungen und schweren Leberschäden komme. Der  Giftnotruf Erfurt - das gemeinsame Giftinformationszentrum der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen - registriere nahezu täglich einen Vergiftungsfall mit Paracetamol, 5% aller Notrufe sollen auf das Konto von Paracetamol gehen. Nähere Angaben dazu, ob weitere Arzneimittel oder Alkohol eingenommen wurden, sind der dpa-Meldung jedoch nicht zu entnehmen. 
Auch die Gegner einer Rezeptpflicht für Paracetamol berufen sich auf Analysen von Giftnotrufzentralen. So hatte Dr. Elmar Kroth, Geschäftsführer Wissenschaft des Bundesverbandes der Arzneimittelhersteller (BAH), mit solchen Zahlen begründet, dass Lebertransplantationen und Todesfälle aufgrund einer Paracetamol-Intoxikation in Deutschland im Vergleich zu England und den USA außerordentlich selten sind. Als Beispiel führte er eine auf Anfrage des BfArM durchgeführte, retrospektive Analyse der Gesellschaft für Klinische Toxikologie an, bei der die Giftnotruffälle der Jahre 1996, 2001 und 2006 ausgewertet worden waren. Danach  betrafen 2,6% der Notrufe Paracetamol, in 1,7% der Fälle war Paracetamol in suizidaler Absicht eingenommen worden, wobei auch Mischintoxikationen von Paracetamol mit anderen Substanzen in diesen Zahlen enthalten sind. In drei Fällen sei ein letaler Ausgang berichtet worden. Die Mainzer Giftnotrufzentrale soll in der Zeit von 1995 bis 2002 4021 Meldungen zur suizidalen oder parasuizidalen Paracetamol-Einnahme erhalten haben, das entspricht etwa 500 Fällen pro Jahr (der Giftnotruf Erfurt registriert der dpa-Meldung zufolge derzeit etwa 365 Fälle pro Jahr). 

Unstrittig ist, dass Paracetamol in hoher Dosierung die Leber schädigt. Das Risiko steigt unter anderem bei gleichzeitigem Alkoholkonsum. Daher wurde die Tageshöchstdosis auf 
4 g/ Tag ( = 8 Tabletten mit 500 mg Paracetamol) festgelegt. 

In einer vor Kurzem veröffentlichten Stellungnahme hat die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) noch einmal folgende generelle Empfehlung gegeben: "Abgabe einer maximalen Packungsgröße von 20 Tabletten à 500 mg, Einhaltung der empfohlenen Einzel- und Tagesdosen (peroral oder rektal), maximale Dauer der Selbstmedikation drei (bei Fieber) beziehungsweise vier Tage (bei Schmerzen), keine Kombination mit Paracetamol-haltigen anderen Arzneimitteln oder NSAR, keine Einnahme/Anwendung bei bekanntem Alkoholmissbrauch oder Vorschädigung der Leber." 

Die Paracetamol-Diskussion in der Deutschen Apotheker Zeitung haben wir unter der Rubrik Debatte auf dieser Seite dokumentiert. Hier finden Sie alle Diskussionsbeiträge, die in der Zeit von 2009 bis 2011 in der DAZ veröffentlicht worden sind.

Dr. Doris Uhl / 28.12.2011, 12:45 Uhr

Kommentare:

BinKaumKrank sagt:
07.01.2012 11:30

Ersteinmal möchte ich meinen "Vorrednern" zustimmen.
Durch diese Verteufelung des Pracetamols wird zudem der Eindruck erweckt, dass Paracetamol ja so gefährlich sei, alle anderen freiverkäuflichen Schmerzmittel sind dann ja harmlos.
Paracetamol bietet meines Erachtens noch den Vorteil, dass damit ein Schmerzmittel für die Selbstmedikation existiert, das auch bei Magenproblemen gut vertragen wird. Ich selbst bevorzuge es z.B. aus diesem Grund, da ich zB ASS gar nicht vertrage und mir Ibu und Diclo ebenfalls auf den Magen schlagen.
Die momentanen Argumente gegen Paracetamol sind außerdem nicht gerade Erkenntnisse, die ich als "neu" bezeichnen würde, ganz im Gegenteil.
Hier wird mit "alten Hüten" gezielt Stimmung gegen ein nützliches und mehr...

Michael sagt:
29.12.2011 14:11

Natürlich muss man hinterfragen, wo die Gewinnler einer solchen herbeiinterpretierten Verschreibungspflicht sitzen. Es geht doch offensichtlich darum, den sicheren Billigwirkstoff PCM gegen wesentlich riskantere, aber auch margenstärkere Wirkstoffe zu ersetzen. Denn die Verschreibungspflicht wäre automatisch das Ende von PCM in Deutschland. Dass mit einer Substitution durch Ibuprofen oder gar Diclofenac die Gesundheit breiter Bevölkerungsschichten zusätzlich erheblich gefährdet wird, wird geschickt weggewischt. Diese obskure Diskussion hat inzwischen eine Dimension gewonnen, die insgesamt beängstigend ist. Für Deutschland ist diese Verzerrung von Fakten schlichtweg peinlich.

Pharmakologe sagt:
29.12.2011 12:59

Hier sieht man, wie falsch Zahlen interpretiert werden können, wenn nur die richtige(???) Absicht dahintersteht, nämlich Paracetamol Rx-pflichtig zu machen.

Es ist erfreulich, wenn das Bewußtsein für die Risiken von Paracetamol so groß ist, dass häufig die Giftnotrufezentralen dazu befragt werden. Daraus läßt sich aber keine Gefährdung ableiten. Schwerwiegende Intoxikationen sind extrem selten (diese Daten sind auch im Kroth'schen Artikel angegeben).

Fazit: Aufgeklärte Bürger, hohes Bewußtsein für Risiken, ergo ein niedriges Gefahrenpotential. So herum wird ein Schuh daraus!

Wie schön wäre es, wenn mit Zahlen sauber gearbeitet würde - Die momentane Hexenjagd auf Paracetamol ist schon erstaunlich.

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