Pharmazie

Gefahren durch Zweitverblisterung: Der Präsident der Landesärztekammer Brandenburg, Dr. Udo Wolter (li.), und der Präsident der Landesapothekerkammer Brandenburg, Dr. Jürgen Kögel, unterzeichnen das Positionspapier. (Foto: LAK)
Zweitverblisterung
Potenzielle Gefahr für Bewohner von Alten- und Pflegeheimen
Potsdam - Immer wieder setzen Alten- und Pflegeheime auf die Zweitverblisterung von Arzneimitteln. Doch davor warnen jetzt die Landesapothekerkammer und die Landesärztekammer Brandenburg in einem gemeinsamen Positionspapier. Bei der Zweitverblisterung werden einzelne Kapseln, Tabletten und Dragees aus ihren ursprünglichen Packungen entnommen und für jeden Patienten zu einem individuellen Medikamentenmix umverpackt. Das soll einfacher und günstiger sein, versprechen die Befürworter. Das Wohl der Patienten droht dabei aber auf der Strecke zu bleiben, so die beiden Heilberufskammern in einer Pressemitteilung.
Die Zweitverblisterung bedrohe die Therapiefreiheit des Arztes. Er könne nicht mehr das beste Medikament und die optimale Darreichungsform für seinen Patienten wählen, sondern werde durch technische Vorgaben beschränkt. Verblisterungsautomaten können lediglich 200 bis 400 Medikamente verarbeiten – in Deutschland sind aber etwa 50.000 Medikamente zugelassen. Auch mit Salben oder Tropfen kommen sie nicht zurecht. Dabei sind gerade ältere Menschen besonders häufig auf flüssige Darreichungsformen angewiesen. „Die Bedürfnisse des Patienten müssen über die Therapie entscheiden, nicht die technischen Möglichkeiten einer Verpackungsmaschine“, fordert Dr. Udo Wolter, der Präsident der Landesärztekammer Brandenburg.
Doch den Heimbewohnern drohen nach Auffassung der Heilberufskammern noch weitere Nachteile. Durch den zusätzlichen Arbeitsgang der Umverpackung verzögert sich die Bereitstellung der Medikamente oft um mehrere Tage bis Wochen. Je länger der Vorlauf des Blisterunternehmens ist, desto schwieriger wird es, kurzfristig auf Veränderungen im Krankheitsbild zu reagieren. In diesen Fällen müsse das Pflegepersonal häufig die schon einmal umverpackten Medikamente erneut öffnen und neu zusammenstellen. Dadurch steige die Gefahr von Verwechslungen und Kontaminationen. Außerdem sei bisher ungeklärt, ob es durch die Mischung unterschiedlicher Präparate in einer gemeinsamen Verpackung zu unerwünschten Reaktionen zwischen den Inhaltsstoffen kommt. „Hier regiert bisher das Prinzip Hoffnung“, kritisiert der Präsident der Landesapothekerkammer Dr. Jürgen Kögel. „Die grundlegende Voraussetzung neuer Versorgungsformen muss doch sein, dass sie sicher sind und für den Patienten keine Gesundheitsrisiken bergen.“
Auch das gern geäußerte Argument, die Zweitverblisterung erleichtere die Arbeit des Pflegepersonals, hält einer Überprüfung nicht stand. So hat eine Studie der Amtsapotheker in Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit dem dortigen Landesinstitut für Gesundheit und Arbeit und der Universität Bielefeld gezeigt, dass mehr als 60 Prozent der befragten Pflegerinnen und Pfleger der Zweitverblisterung kritisch gegenüberstehen. Sie befürchten vor allen Dingen einen Rückgang der Pflegequalität. Wer sich nicht mehr intensiv mit den Medikamenten beschäftige, der könne auch keinen Zusammenhang mehr zwischen den verabreichten Arzneimitteln und den Symptomen des Patienten herstellen.
Die Landesapothekerkammer und die Landesärztekammer Brandenburg fordern daher die Einhaltung klarer Regeln und Mindeststandards. Es muss sichergestellt sein, dass die Versorgungsqualität der Menschen in Alten- und Pflegeheimen nicht den ökonomischen Interessen der Unternehmen geopfert wird. „Bis dieser Beweis nicht erbracht wurde, muss Vorsicht walten. Wir sind immer offen für Verbesserungen im Sinne der Patienten, aber bei den derzeit gängigen Verfahren haben wir erhebliche Zweifel“, so Dr. Udo Wolter und Dr. Jürgen Kögel. Solange diese nicht ausgeräumt sind, lehnen beide Kammern die Zweitverblisterung für Heimbewohner entschieden ab.
DAZ.online / 04.10.2011, 17:21 Uhr
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Bertram Fritzsch sagt:
25.10.2011 21:06Wäre das Verblistern der wirklich große Treffer, dann würden mit Sicherheit ALLE Beteiligten begeistert sein und nicht viele Betroffene(Pflegepersonal, Heimleitungen, Ärzte und Apotheker) dem Verblistern nicht so ablehnend gegenüberstehen, dann hätten Firmen wie Kohlpharma mit ihren riesigen Werbebudgets es geschafft, ihr Verblisterungsmodell auch mehrheitsfähig zu bekommen. Und überhaupt, als ob nicht seit Jahrzehnten in den Heimen die Medikamente gesetzt werden, wird beim Verblistern so getan, als wäre es der neue große Wurf. Sicherlich gibt es in vielen Heimen einen großen Verbesserungsbedarf beim Medikationsmanagement, aber um dort etwas zu Verbessern, muß man nicht Medikamente entblistern und wieder neu verblistern (von der Müllerzeugung etc. mal ganz abgesehen). Und zeitnah und mehr...
Reinhard Bangert sagt:
18.10.2011 10:08bei allen hier bereits ausgetauschten Argumenten bleibt doch eine Frage aussen vor:
Die Verblisterung - egal ob manuell in der Apotheke oder "professionell" per Maschinenpark - ist eine hochwertige pharmazeutische Dienstleistung, die es nicht zum Nulltarif geben kann und aus berufspolitischen Gründen auch nicht geben sollte! Doch welche Kassen / Heime / Patienten sind denn bereit, dies entsprechend (und kostendeckend!) zu honorieren?
Unter dem Deckmantel der (vermeintlich) sichereren und fehlerfreieren Patientenversorgung werden hier Personalkosten von Heimen in die versorgenden Apotheken verlagert! Solange die Verteilungskämpfe noch toben, werden viele auch ohne entsprechende Bezahlung mitmachen, nur um dabei zu sein ... aber die Verblisterung ist eben nicht KOSTEN-LOS ... mehr...
Heeger sagt:
13.10.2011 09:13Es ist schon erstaunlich, wie mit Halbwissen Stimmung gegen eine innovative pharmazeutische Dienstleistung gemacht wird. Unverständlich bleibt beispielsweise, warum verblisterte Medikamente in Deutschland eine andere Wirkung erzielen sollen, als etwa in den Niederlanden, die seit Jahrzehnten erfolgreich damit Patienten versorgen.
Im Positionspapier werden „Kontaminationen“ bei Tabletten in einer gemeinsamen Verpackung angenommen. Da fragt man sich, was mit den Tages- und Wochenblistern ist, die die Pflegekräfte in den Heimen noch selbst stellen…
Ein weiterer Punkt ist das Thema Therapiefreiheit des Arztes. Diese bleibt auch bei der maschinellen Verblisterung erhalten, denn ein Blisterzentrum kann Automaten mit beliebig vielen Medikamenten bestücken. Der mehr...
Regine Müller sagt:
12.10.2011 13:18Ich kann der Argumentation der zwei Kammern nur zustimmen. Die Verblisterung birgt verschiedene nicht geregelte bzw. nicht kontrollierte Risiken. Die Triebkraft für die Verblisterung sind ganz klar Verdrängungsprozesse, die letztlich zu Oligopolen und damit zu einer für die Gesellschaft teureren Arzneimittelversorgung führen. Für denjenigen der verblistert bedeutet der Prozess aber sehr wahrscheinlich höhere Gewinne.
Ich kann mir kaum vorstellen, daß noch Jemand ernsthaft an die angeblichen Vorteile für den Patienten glaubt. Es ist doch immer die gleiche Geschichte...
Yalcin sagt:
07.10.2011 13:06Wenn manuell in der Apotheke verblistert wird, z.B. mit Blisterkarten, dann können alle Tabletten und nicht nur 400 Arzneimittel, verwendet werden. Und das die Pflegequalität dadurch sinke, ist totaler Quatsch. Im Gegenteil: Blisterkarten steigern die phamrakologische Kompetenz der Pflegekräfte: Auf den Etiketten der den Blisterkarten, werden die Tabletten in Größe, Form, Farbe genau beschrieben. Somit weiß das Pflegepersonal genau, welche Tabletten abgegeben werden und verteilt nicht Blind Tabletten wie aus Industriell gefertigten Blistertüten. Durch die Absprachen zwischen dem Personal im Heim und Personal in der Apotheke herrscht ein großer Wissenstransfer.
Dieser Artikel betrachtet mal wieder nur die industrielle Verblisterung und nicht die Manuelle in der Apotheke. Das ist mehr...
Tobias Merger sagt:
05.10.2011 15:49Das ist ja ein interessantes Argument: die Pflegequalität sinke durch die Verblisterung. Bei der patientenindividuellen Verblisterung steht der Apotheker als Medikamentenmanager und pharmazeutischer Experte im Hintergrund und kann logischerweise eine ganz andere Versorgungsqualität gewährleisten als nicht pharmazeutisch ausgebildete Pflegekräfte, denen - und das ist nur zu menschlich - Fehler unterlaufen.
Was den "Verpackungswahn" angeht, so stellt die derzeitige Praxis mit max. Packungsgrößen von 100, die dann leider entblistert werden müssen, weil es keine lose Ware (!) gibt, alles in den Schatten. Damit eng zusammen hängt das Thema Arzneimittelmüll: Tausende von Tonnen werden jedes Jahr weggeworfen, weil angebrochende Packungen nicht aufgebraucht werden. Hier kann mehr...
Christiane Diderich sagt:
05.10.2011 13:49Einen ganzen Artikel über eine Maschine die mit 200-400 zu händelnden Medikamenten nicht mal 1% der zugelassenen Medikamente verarbeiten kann, finde ich am Thema vorbei. Hätten sich die Autoren auf dem Markt umgesehen hätten Sie leicht feststellen können das heutzutage modern, zeitnah und regional verblistert wird und zwar sowohl maschinell als auch händig.
Manuel Meissner sagt:
05.10.2011 11:28Pharmazeutische Kompetenz mit ortsnaher Verblisterung zusammenbringen – das erscheint mir sowohl demographisch als auch standespolitisch der richtige Weg zu sein. Da die hohen GMP-Qualitätsstandards in der Blisterherstellung meist den Apothekenrahmen sprengen, sollten unsere Interessenvertreter Netzwerke zwischen regionalem Blisterzentrum und umliegenden Apotheken unterstützen und so Zukunftssicherung betreiben. Letztendlich hat es aber auch jede Apotheke ein Stück selbst in der Hand, ob die maschinelle Verblisterung mittelständisch bleibt.
Cimbexfemorata sagt:
05.10.2011 10:09Qualität und Standards halte ich ebenfalls für sehr wichtig. Trotzdem erscheint mir der Artikel etwas einseitig. Ich vermisse die Erwähnung der händischen Verblisterung in der Apotheke: diese Lösung heißt sowohl pharmazeutische Betreuung auf hohem Qualitätsniveau vom Apotheker vor Ort als auch "ohne Automaten" bei "zeitnaher Lieferung" "fast aller Medikamente" im Blister.
Elke Dresia sagt:
05.10.2011 10:02Ich schließe mich Frau Klar an:Eine aktuelle Argumentation kann auch ich nicht sehen.Ich finde erstaunlich,dass sich unsere Standesvertreter so vehement gegen den Fortschritt stellen.Über die Verblisterung scheint ein Glaubenskrieg entbrannt zu sein.Verblisterung macht den Apotheker nicht überflüssig, sondern stärkt dessen pharmazeutische Kompetenz.Verblisterung ist ein Instrument der Kundenbindung und der Kommunikation.Man sollte esals ein Instrument zu einer verbesserten Versorgungsmöglichkeit des Patienten/Bewohners sehen.Ein verbessertes Miteinander von Apotheker und Arzt.Als Blisterzentrum verblistern wir zu 100% rabattvertragskonform. Unsere Standesvertretung könnte sich Gedanken über den Sinn und Unsinn der Rabattverträge machen, deren Umsetzung uns Tag für Tag mehr...