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Udo E. Simonis/ Heike Leitschuh/ Gerd Michelsen/ Günter Altner/ Ernst Ulrich von Weizsäcker
Jahrbuch Ökologie 2010
Umwälzung der Erde -
Konflikte um Ressourcen
Das Jahrbuch enthält 36 Beiträge von 45 Autoren und ist dementsprechend heterogen. Dies betrifft sowohl die Auswahl der Themen als auch den Umgang der Autoren mit ökologischen Fragestellungen. Im ersten Kapitel „Wege aus der Weltkrise“ geht es um diverse allgemeine Aspekte der Ökologie. Das zweite und zugleich umfangreichste Kapitel betrifft den diesjährigen Schwerpunkt des Jahresbuches, die Konflikte um Ressourcen. Die Beiträge betreffen Öl, Wasser, das Klima, den Walfang und insbesondere industrielle Ressourcen. Im dritten Kapitel werden verschiedene innovative Trends aus unterschiedlichen Gebieten des Umweltschutzes vorgestellt, von der Nachhaltigkeit über den ethischen Umgang mit den Einlagen von Pensionsfonds und das Umweltinformationsrecht bis zur Kohlendioxidspeicherung.
Ebenso vielfältig wie das Spektrum der Themen sind die Herangehensweisen der Autoren an ökologische Probleme. Einige Beiträge vermitteln in knapper Form bemerkenswerte Überblicke über komplexe Sachverhalte. Ein Beispiel ist eine differenzierte Übersicht über die Einsatzmöglichkeiten der Kohlendioxideinlagerung. Die Autoren vermeiden plakative Aussagen und zeigen, dass diese kontrovers diskutierte Technologie in Abhängigkeit von den regionalen Voraussetzungen ökologisch unterschiedlich zu bewerten ist. Außerdem werden beispielsweise interessante Informationen über nachwachsende Energieträger und die Bedeutung seltener Elemente für verschiedene Technologien vermittelt. Vielfach wird die große ökologische und ökonomische Bedeutung des Recyclings deutlich. Im Zusammenhang mit dem Walfang werden langfristige Verhaltensmuster anhand historischer Entwicklungen aufgezeigt.
Auch viele andere Beiträge liefern interessante Einblicke in spezielle ökologische Themen. So erfährt der Leser vielfach, welche Probleme sich auf den zweiten Blick hinter scheinbar einfachen Lösungen verbergen. Einen roten Faden bildet dabei der Ressourcenverbrauch. So haben beispielsweise Transportmittel nicht nur ökologische Konsequenzen aufgrund des Energieverbrauchs bei ihrer Nutzung, sondern auch als Folge des Ressourceneinsatzes bei ihrer Herstellung. Dies schlägt besonders dort zu Buche, wo keine leistungsfähige Recyclinginfrastruktur besteht. Der Export von Kraftfahrzeugen in Entwicklungsländer verschlechtert demnach die Ökobilanz der Autos und führt überdies zu einem Ressourcenverlust für die exportierenden Länder.
Solche differenzierten Analysen der ökologischen Zusammenhänge leiden jedoch unter nicht schlüssigen Annahmen über das Verhalten der Menschen. Ein Allgemeinplatz wie „Wer Straßen baut, wird Autoverkehr ernten“ wertet leider einen Beitrag mit sonst vielen bedenkenswerten Ansätzen ab. Eine so triviale Verdrehung von Ursache und Wirkung und eine solche Missachtung menschlicher Beweggründe ist offenbar leider noch weit verbreitet.
Einige Beiträge betrachten Ökologie und Ökonomie noch immer als unversöhnliche Gegensätze. Einzelne Autoren propagieren dabei radikale Eingriffe in die Marktwirtschaft, was sowohl inhaltlich als auch in der Diktion an marxistisch orientierte Thesen erinnert. So wird beispielsweise vorgeschlagen, Aktien nach 20 oder 30 Jahren ungültig werden zu lassen, ohne zu erklären, wie danach das Eigentum an den Unternehmer verteilt werden soll. Hier drängt sich der Gedanke auf, dass einige Autoren die Ökologie instrumentalisieren, um andere Ziele zu erreichen.
In der Gesamtbetrachtung des Buches schimmert damit leider noch recht oft der „alte“ grüne Ansatz durch, ökologische Probleme durch Reglementierung, Kontrolle und Verzicht lösen zu wollen, während andere Beiträge durchaus eine moderne Sicht verfolgen, die die Ökologie als Fortschrittsaufgabe sieht, mit anderen menschlichen Bedürfnissen verbindet und so mit der Ökonomie versöhnt. Das Buch vermittelt damit die Konsequenz, dass nicht nur in der Ökologie, sondern auch in der Beziehung zwischen Ökonomie und Ökologie noch viel zu tun ist. So drängt sich für den Leser der Wunsch auf, die Autoren mögen doch einmal persönlich zusammentreffen und ihre unterschiedlichen Sichtweisen diskutieren. Vielleicht wäre dies bereits ein Anfang zu mehr gegenseitigem Verständnis. Das Buch wendet sich damit an Leser, die eine Übersicht über die Vielfalt ökologisch orientierter Argumentationsweisen gewinnen und sich zugleich über Probleme der Ressourcenökologie informieren möchten. Es ist keine „Gute-Nacht-Lektüre“, sondern ein in vieler Hinsicht aufrührendes Buch. (tmb)
Hier finden Sie Leseproben zum Jahrbuch Ökologie 2010 "Umwälzung der Erde"
Weitere Informationen zum Buch finden Sie hier
S. Hirzel Verlag
ISBN 978-3-7776-1768-8
2009. 248 S., 17 s/w Abb., 9 s/w Tab.
kartoniert
19,80 Euro inkl. MwSt.
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