Sie sind hier: DAZ plus > DAZ Medientipp > Archiv aller Medientipps > Michels, Dina: Weiße Kittel, dunkle Geschäfte - Im Kampf gegen die Gesundheitsmafia.
DAZ plus
DAZ Medientipp

Dina Michels
Weiße Kittel, dunkle Geschäfte -
Im Kampf gegen die Gesundheitsmafia.
Einblick in die dunkle Seite des Gesundheitswesens
Das Gesundheitswesen bietet unzählige Möglichkeiten für betrügerische Machenschaften jeglicher Art - und solche Möglichkeiten werden auch ausgenutzt. Dina Michels als Chefermittlerin bei der Krankenkasse KKH-Allianz hat eine Vielzahl solcher Fälle kennen gelernt und präsentiert in ihrem Buch “Weiße Kittel - Dunkle Geschäfte. Im Kampf gegen die Gesundheitsmafia“ eindrucksvolle Beispiele. Sie beschreibt Apotheker, die Luftrezepte erstellen, Verordnungen fälschen, Süchtigen für ein paar Euro Rezepte über teure HIV-Präparate abkaufen oder Rezepte für illegale Versandhändler abrechnen. Doch auch manche Ärzte arbeiten offenbar betrügerisch. Michels berichtet über Leistungen, die nie erbracht wurden, die in der verfügbaren Zeit gar nicht hätten erbracht werden können, für Patienten, die den Arzt nie gesehen haben und die gar nicht krank waren. Meist fließt das Geld in die eigene Tasche, während einige Krankenhausärzte Leistungen erfinden oder Patienten länger im Krankenhaus behandeln, um ihrer Klinik Vorteile zu verschaffen und vielleicht ihren Arbeitsplatz zu erhalten. Für Zahnärzte kommt die Betrugsmöglichkeit mit Zahnprothesen hinzu. Michels berichtet über Fälle, in denen Billigimporte als Leistungen des eigenen Labors zu hohen deutschen Preisen abgerechnet wurden. Als typisch für viele Betrugsvarianten bei Heilberuflern betrachtet die Autorin die Zusammenarbeit mehrerer Personen in kriminellen Netzwerken. Dies erklärt den Untertitel des Buches mit dem Bezug auf die organisierte Kriminalität. Vielfach erschweren die Netzwerke die Ermittlungen und letztlich die Strafverfolgung. So führen die schwer durchschaubaren Netzwerke wohl oft dazu, dass die Täter mit milden Strafen davon kommen oder gar nicht belangt werden.
Bei Masseuren, Physiotherapeuten und anderen nicht akademischen Heilberufen war in einigen von Michels recherchierten Fällen alles falsch - sogar die Qualifikationsurkunde, denn sie haben ihre Ausbildung nie erfolgreich abgeschlossen. In diesem Fall ist dann teilweise sogar das größte Problem, dass die Leistungen erbracht wurden. Denn die Patienten wurden von ungelernten Pfuschern traktiert. Eine ganz eigene Variante dunkler Geschäfte ist die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Sanitätshäusern oder Hörgeräteakustikern. Dazu berichtet Michels über Miet- oder Beraterverträge, die Honorare für illegale Rezeptzuweisungen kaschieren sollen. Damit wird der Wettbewerb vermindert, und die Patienten laufen Gefahr, minderwertige Leistungen zu erhalten.
Doch nicht nur einige Heilberufler, sondern auch manche Patienten betrachten das Gesundheitswesen offenbar als Selbstbedienungsladen. Als Extremfall wird über eine Frau berichtet, die mit Gefälligkeitsrezepten Waren im Wert von 200.000 Euro aus Apotheken ergaunert hat. Sie hatte ungezählte Ärzte im Umkreis von 200 Kilometern um ihren Wohnort um Rezepte gebeten. Der häufigste Betrugsvorgang auf Patientenseite ist aber offenbar der Missbrauch gestohlener oder verliehener Krankenversicherungskarten. Ein Foto auf der Karte könnte hier bereits auf einfache Weise für Abhilfe sorgen. Im Vergleich zu den Heilberuflern werden die betrügerischen Patienten weitaus häufiger strafrechtlich belangt, weil die juristische Lage meist klarer ist.
Die Beispiele sind ebenso vielfältig wie schockierend. Wer das Buch liest, kann nur zu dem Ergebnis kommen, dass hier dringend Abhilfe nötig ist. Und doch werden Kenner des Gesundheitswesens möglicherweise nicht komplett mit der Autorin übereinstimmen. Denn zu krass erscheint ihre Schwarz-Weiß-Malerei. Selbstverständlich beteuert sie, dass es nur darum geht, die korrupten Heilberufler zu bestrafen - und dies auch um die ehrlichen Berufsangehörigen zu schützen. Doch der sicher notwendige Kampf gegen die schwarzen Schafe gewinnt im Buch zu sehr missionarische Züge. Es entsteht der Eindruck, als wolle die Autorin das Grundvertrauen der Bevölkerung in die Heilberufler erschüttern, weil es einige Betrugsmöglichkeiten erst eröffnet. Sie ist wohl ehrlich erstaunt, dass Ärzte und Apotheker trotz öffentlich bekannt gewordener Betrugsfälle immer noch hervorragende Vertrauenswerte in Umfragen erzielen.
Das Buch hat stellenweise einen Unterton, der zumindest Apotheker nachdenklich machen dürfte. So wird die große Konkurrenz unter den Apotheken als mögliche Ursache für Betrugsfälle erwähnt, denn Deutschland habe europaweit die zweitgrößte Apothekenzahl - kein Wunder im größten Land der EU, möchte man entgegnen. Außerdem beschreibt Michels, wie DocMorris mit seinen Franchise-Partnern „zum Angriff auf die pharmazeutischen Tante-Emma-Läden“ bläst - doch was hat dies mit dem Thema zu tun? Aus Apothekersicht erscheint zudem befremdlich, dass viele Betrügereien durch Apotheker angeblich nicht entdeckt würden, weil Rezepte nur stichprobenartig überprüft würden und weil insbesondere die Verordnung im Textfeld nicht mit der kodierten Pharmazentralnummer abgeglichen würde. Die Erfahrung vieler Apotheker mit Retaxationen spricht hingegen für sehr umfassende Prüfungen der Rezepte. Zudem beziehen sich sehr viele Retaxationen auf unterschiedliche Interpretationen der Angaben im Textfeld, die offenbar doch sehr sorgfältig beachtet und vielfach äußerst kleinlich interpretiert werden.
Zur Lösung der Probleme fordert Michels die Patienten auf, ihre Rechte einzufordern. Außerdem setzt sie auf mehr Strafanzeigen, zusätzliche Gesetze, mehr Zusammenarbeit unter den Krankenkassen und mehr Kontrolle. Sie fordert die elektronische Gesundheitskarte als Kontrollinstrument einzuführen und regt an, Apotheker sollten Einkaufsbelege für Arzneimittel elektronisch an die Krankenkassen weiterleiten, zumindest bei individuell bestellten hochpreisigen Artikeln. Große Investitionen in neue Prüfungstechniken sollten aus Steuermitteln finanziert werden und hätten sich „schon nach einigen Jahren rentiert“. Aus der Perspektive der Leistungserbringer stört daher an dem Buch die einseitige Verklärung der Krankenkassen als unerschütterliche Kämpfer für das Gute im schrecklich bösen Gesundheitswesen.
Doch es gibt zweifellos eine dunkle Seite des Gesundheitswesens - und in die bietet Michels verblüffende Einblicke. Die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund und macht die Probleme überaus deutlich. Daher ist das Buch für alle gesellschaftlich interessierten Leser und ganz besonders für alle Angehörigen des Gesundheitswesens äußerst interessant. Das Buch ist zudem sehr flüssig geschrieben. Es ist zu hoffen und zu erwarten, dass das Buch eine konstruktive Diskussion über die drängenden Probleme des Betruges im Gesundheitswesen vorantreibt. Daher ist die Lektüre des Buches sehr zu empfehlen, für die angebotenen Lösungen gilt das hingegen nur eingeschränkt. (tmb)
Rowohlt Berlin
ISBN 978-3-87134-643-9
2009, 207 Seiten, 274g, kartoniert
16,90 Euro inkl. MwSt.
Versand kostenfrei im Inland, Lieferung ins Ausland zzgl. Versandkosten
Bestellen können Sie
- per Telefon: 0711 – 2582 341
- per Freecall: 0800 – 2990 000 (zum Nulltarif mit Bandaufzeichnung)
- per E-Mail: service@deutscher-apotheker-verlag.de
oder auch direkt in unserer Buchhandlung unter www.buchoffizin.de



